Don´t touch it + Kramer

grubing-DontTouchItVerlagstext: Benji könnte sich nicht weniger auf die Ferien freuen. Nicht genug dass seine ältere Schwester Brittany sich in ein ätzendes, pubertierendes Monster verwandelt hat, seine Familie muss außerdem auch noch seiner Cousine Loreley Obdach für den Sommer geben. Sie war schon immer etwas schräg, aber seit dem Verschwinden von Toby, ihrem Bruder, ist sie völlig abgedriftet: noch schreckhafter und verschlossener als zuvor, schließt sie sich in ihrem Zimmer ein und durch die Tür hört man sie mit sich selber reden. Natürlich ist es Blödsinn, was die halbe Stadt munkelt – dass Lori ihren Bruder getötet und auf dem Schrottplatz verbuddelt haben soll… aber… Timo Grubing geizt in seinem ersten abendfüllendem Comic nicht mit Querverweisen auf die Klassiker des Horror-Kanons. Von Bradbury bis King, abgerundet mit einer gehörigen Portion Carpenter und einer Prise Hitchcock lässt DON’T TOUCH IT! den Grusel und Bodyhorror der 80er Jahre von der Leine.

Kann man so sagen. In diesem Album ist Spannung jedenfalls garantiert, und das von der ersten bis zur letzten Seite. Was anfangs als eine Art Coming of Age-Story daherkommt, entwickelt sich langsam aber sicher zu einem Krimi mit vielen Fragezeichen, bevor sich die Story auf leisen Sohlen in die finstersten Horrorecken schleicht. Das ist klasse gemacht, überzeugend erzählt und auch prima gezeichnet. Vor allem die Figur der durchgeknallten Nanny – und natürlich die undurchsichtige Loreley mit ihren geheimnisvollen nächtlichen Ausflügen – sind gut getroffen. Liest sich besonders gut, wenn man in nebligen Novembernächten alleine im Haus ist…

Timo Grubing: Don’t touch it!
96 Seiten, schwarzweiß, 16,- Euro, Zwerchfell, ISBN 978-3-943547-43-6

ostermaier-kramer

Dieses Album ist nicht minder finster: Im Jahr 1486 veröffentlichte der Dominikaner Heinrich Kramer seinen Hexenhammer – ein frauenfeindliches Pamphlet, in dem er zu beweisen versuchte, dass Frauen permanent rollig und deshalb für die Avancen des Teufels besonders empfänglich seien. Und mit welchen Methoden man sie am besten zum Geständnis quält. Nathalie Ostermaier schickt dem Dämonenaustreiber in ihrem nach ihm benannten Album jede Menge Versuchungen in die nächtliche Schlafkammer. Eigentlich muss er sich auf die Befragung einer Frau vorbereiten, die der Hexerei beschuldigt wird. Der ermittelnde Richter kommt in dem Fall nicht weiter. Die Frau will nicht gestehen. Ein Exorzist ist gefragt. Doch auch Kramer hat Probleme.

In düsteren Schwarzweiß-Bildern lässt die Regensburger Zeichnerin ihn allerlei erotische Versuchungen erleiden und entlarvt ihn als das, was er ist: Ein notgeiler Scheinheiliger, die seine Angst vor dem anderen Geschlecht hinter Büchern mit reaktionären Sprüchen und Gewalt versteckt. Teilweise heftige Kost, die Ostermaier uns vorsetzt, aber treffend analysiert, anschaulich bebildert – mit einem schönen Plot abgeschlossen.

Natalie Ostermaier: Kramer
192 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Zwerchfell, ISBN 978-3-943547-36-8

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Ach, so ist das?!

schradi-AchSoIstDas-2Schon mal den Namen Anja Karliczek gehört? Die 47jährige Christdemokratin ist unsere derzeitige Bildungsministerin. Im Juni vergangenen Jahres hat sie im Bundestag gegen die „Ehe für alle“ votiert. Jetzt fordert sie eine Langzeitstudie, um die Auswirkungen einer homosexuellen Partnerschaft auf die Kinder solcher Paare zu untersuchen. Man wisse nicht, welche Schäden das anrichten könne.

Es ist immer wieder überraschend, dass es auch im Jahr 2018 noch Leute gibt, die meinen, dass Mama, Papa, Kind, Kanarienvogel die einzig akzeptable Verbindung zwischen Menschen darstellen darf. Dabei ist die Geschlechterwelt längst kunterbunt geworden. Die LGBTI-Comunity umfasst Lesben, Schwule (Gay), Bisexuelle, Transidente und Intersexuelle, und wem nicht ganz klar ist, was genau man genau darunter zu verstehen hat, dem hilft Martina Schradi mit ihrer Reihe Ach, so ist das?! weiter. Die Nürnberger Zeichnerin hat jetzt den zweiten Band veröffentlicht. Ähnlich wie Daniela Schreiter in ihrem dritten Schattenspringer-Album Autisten in kurzen Episoden aus deren Leben erzählen lässt, lässt Schradi die Menschen aus der LGBTI-Welt zu Wort kommen. Das Coming out ist naturgemäß ein vorherrschendes Thema, aber auch die oft ablehnende Haltung von Umwelt, Schule, Beruf und Elternhaus wird thematisiert.

Die Mutter von Helene (in Band 1 der Reihe) nervt ihre Tochter zwar noch lange nach deren Coming out als Lesbe mit der typischen Frage, ob sie inzwischen nicht doch einen netten Mann kennengelernt habe. Aber während sie Helenes Entscheidung immerhin akzeptiert, sehen andere Betroffene oft nur den Ausweg, den Job zu wechseln oder die Stadt zu verlassen, weil das Mobbing kein Ende hat. Ganz schlimm wird es, wenn auch noch die Familienplanung ins Spiel kommt. Und was einem Betroffenen in Deutschland das Leben schwer machen kann, kann es – Schradi lässt im zweiten Band auch Migranten zu Wort kommen – in anderen Ländern schnell beenden, denn auf Homosexualität steht in vielen Ecken der Welt immer noch die Todesstrafe.

Im Anhang gibt es eine Übersicht über dieses Geschlechterdurcheinander, in dem man Antworten auf Fragen findet, wie: Was bedeutet überhaupt transident? Was ist der Unterschied zu Transgender? Ist queer ein Schreibfehler? Wer hat diesen nervigen Gender-Gap erfunden? Und was wollen diese non-binären Wesen von der Welt? Das ist interessant und informativ, mit mal lustigen, mal nachdenklich machenden Geschichten, die nicht nur bei uns gut ankommen (ICOM-Sonderpreis der Jury), sondern auch anderswo, wie die weltweiten Ausstellungen dieser Reihe zeigen. So lange Leute wie Anja Karliczek für die Bildung (die Bildung!) dieses Landes zuständig sind, sind Comics wie dieser jedenfalls dringend nötig.

Martina Schradi: Ach, so ist das!? – Band 2
Biografische Comicreportagen von LGBTI
96 Seiten, 18,- Euro, Zwerchfell, ISBN 978-3-943547-40-5

Betty Boob

rocheleau-BettyBoobZunächst: Mit der von Max Fleischer geschaffenen Cartoonfigur Betty Boop hat diese Betty nichts zu tun. Und nein, es geht auch nicht um ein Pin-up-Girl, das mit seiner Oberweite Geld verdient. Im Gegenteil: Betty verdient ihr Geld ohne Busen. Zumindest ohne den linken, denn der wurde amputiert. Brustkrebs. Auch die Haare mussten während der Chemo dran glauben. Kein Wunder, dass sich Betty scheiße fühlt – und zu allem Überfluss will ihr Mann nach der OP nichts mehr von ihr wissen. Jedenfalls im Bett nicht.

Das ist die Ausgangssituation, die Véro Cazot als Grundlage für die Frage nimmt, ob Menschen wirklich immer perfekt sein müssen, oder ob es im Leben nicht auch andere Dinge gibt. Er entwickelt eine Geschichte, die anfangs erschreckend realitätsnah daher kommt, geht dann allerdings ziemlich glatt dem absehbaren Happyend entgegen. Allzu spannend ist sie also nicht, aber dieses kleine Defizit wird von der überragenden Grafik völlig in den Hintergrund gedrängt.

Die Geschichte kommt fast ohne Text aus. Wie die Kanadierin Julie Rocheleau sie umsetzt, ist einfach nur wunderschön. Weicher Strich, fließende Bewegungen, mal verträumt und verspielt, manchmal nah am Cartoon, pures Leben in jedem Panel, Bewegung und Mimik immer exakt beobachtet, abwechslungsreiches Layout – dieses Album hört gar nicht mehr auf, Freude zu bereiten. Tragik, (Situations)komik, echte Charaktere und Seiten, die man sich gerne länger (und öfter) anschaut. So geht Graphic Novel. In Frankreich hat sie den Buchhandelspreis dafür bekommen. Bitte mehr von dieser Zeichnerin.

Top 10 2018Julie Rocheleau, Véro Cazot: Betty Boob
184 Seiten, gebunden, 24,80 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-96219-268-6
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