Hattest du eigentlich schon die Operation?

jongeling-operationDieser sehr informative Band hat konzeptionell Ähnlichkeiten mit Martina Schradis Reihe Ach, so ist das!?. Verlagstext: Peer Jongelings Debutcomic führt den Leser auf humorvolle, direkte Art an das Thema Transgender heran. In kleinen Anekdoten erzählen unterschiedliche genderqueere Charaktere, namentlich Paul, Ari, Lilly und Ray von ihren Problemen, Wünschen und Erfolgen. Exemplarisch veranschaulichen ihre Geschichten die Herausforderungen, denen sich Transpersonen im Alltag stellen. Dabei werden auch einige Begriffe geklärt und auf Fragen zum Thema Transgender Antwort gegeben. Durch Peer Jongelings verspielten Strich und expressives Character Design wird dieses komplexe Thema wunderbar unaufgeregt vermittelt und mit angemessenem Humor versehen.

Stimmt. Wer hat eigentlich entschieden, dass Kleidung ein Geschlecht hat, fragt sich beispielsweise Lilly, als sie in der Damenmodeabteilung ein Paar Schuhe in Größe 48 sucht. An der Kasse mit einer Kreditkarte zu zahlen, auf der noch der männliche Vorname steht, ist auch nicht einfach. Ganz zu schweigen von dem Versuch, den Namen im Pass ändern zu lassen. Eine der schönsten Szenen: In dem Kapitel Bettgespräche unterhalten sich zwei Transmenschen darüber, ob sie schwul, hetero, pansexuell oder sonstwas sind. Woraufhin eine/r von beiden den wunderbaren Satz sagt: Geschlecht ist mir total egal. Wir sind einfach Menschen, die Sex haben. So einfach kann man scheinbar komplizierte Dinge auf den Punkt bringen. Liest sich prima.

Peer Jongeling: Hattest du eigentlich schon die Operation?
36 Seiten, 11 Euro, JAJA, ISBN 978-3-946642-87-9
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Küsse für Jet

backer-kuesse-fuer-jetEin neues Album aus dem Hause JAJA, in dem sich alles um das Thema Transgender dreht. Küsse für Jet spielt Ende der Neunziger Jahre. Verlagstext: Die Hauptfigur ist Jet, die auf ein Internat kommt, da ihre Eltern wegen einem Job wegziehen müssen. Hier ist das eher schüchterne Mädchen auf einmal auf sich allein gestellt und muss lernen sich zu behaupten. Zu den neuen Lebensumständen kommen auch neue Gefühle, als Jet und ihre beste Freundin Sasha ihre Aufmerksamkeit weg von den Grunge-Idolen auf echte Jungs richten… Aber irgendwas stimmt nicht, irgendwas fühlt sich komisch an und Jet versucht herauszufinden, was genau eigentlich mit ihr los ist. Und ganz langsam reift in ihr die Erkenntnis, dass sie vielleicht mehr ein Junge als ein Mädchen ist. Joris Bas Backer ist mit „Küsse für Jet” eine schöne, witzige, durchweg authentische Geschichte gelungen, inspiriert von eigenen Erfahrungen und komponiert mit einem feinen Gespür für die Ungereimtheiten im Leben von Teenagern, die sich dem Erwachsenwerden stellen. Dazu kommt das Thema der Transgenderidentität, das Joris Bas Backer behutsam einfängt.

Kurt Cobain hat sich gerade in den Club der 27 verabschiedet, die Computer verarbeiten die Umstellung auf das Jahr 2000 wider Erwarten reibungslos, und Jets beste Freundin Sasha erleuchtet deren Eltern beim Essen übergangslos mit dem Satz: Wusstet ihr, dass Jet eigentlich ein Junge ist? Was nicht nur den Eltern, sondern auch Jet selbst bislang nicht wirklich klar war. Das haut rein.

Davon abgesehen nähert sich Joris Backer seinem Thema eher auf leisen Sohlen. Wie das eben so ist, wenn man sich fragt, ob man in Wirklichkeit nicht eine ganze andere – bzw. ein ganz anderer – ist. Wo man doch eh lieber Männer- als Frauenklamotten trägt. Nur das mit dem Pinkeln im Stehen ist nicht so einfach, wie es aussieht. Eine Coming-of-Gender-Story, die im Gegensatz zu Suskas Lötzerichs fetzigem Album Hexenblut, das ein paar Jahre früher in der Punk-Szene spielt, mehr die kontemplativen Aspekte der Entwicklung in den Vordergrund stellt.

Joris Bas Backer: Küsse für Jet
188 Seiten, 20,- Euro, JAJA, ISBN 978-3-946642-86-2
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Ich fühl´s nicht

stroemquist-ich-fühls-nichtDie Alben von Liv Strömquist lösen bei flüchtigem Durchblättern wenig Kaufgelüste aus. Die Zeichnungen wirken eher krakelig, das Layout unaufgeräumt (um es harmlos auszudrücken), und die Cover der Bände sehen wenig ansprechend aus. Sie haben auf den ersten Blick selten etwas mit dem Thema zu tun (und auf den zweiten Blick auch nicht). Nachdem ich damals ihren Erstling Ursprung der Welt mehrmals unschlüssig ins Regal zurück gestellt hatte, sah sich der Comicdealer meines Vertrauens genötigt, mich darauf hinzuweisen, dass es sich – jaja, doch! – um ein äußerst lesenswertes Album handele. Woraufhin ich ihm mit zweifelndem Blick einen Zwanni auf die Ladentheke legte, das Buch einsteckte – und zuhause bereits nach der zweiten Seite nicht mehr aufhören konnte, darin zu lesen. So ging es mir mit allen Alben von Strömquist – auch mit diesem: Man dreht es skeptisch in der Hand, aber sobald man zu lesen anfängt, hört man nicht mehr auf.

Verlagstext: Laut Boulevardpresse unterhielt Leonardo DiCaprio in den letzten Jahren zahllose Beziehungen – allesamt mit bildhübschen und gleichbleibend jungen Topmodels – aber mit keiner hatte er eine länger andauernde Liebesbeziehung. Was läuft da schief? Sind die Gründe in der Konsumgesellschaft und ihrer Neigung zum Narzissmus zu suchen? In den Gesetzen der Biologie? Liv Strömquists neues Buch „Ich fühl‘s nicht“ ist ein Plädoyer für eine von den Zwängen der Konsumgesellschaft befreite Liebe. Eine neue Gelegenheit für Strömquist, verliebte Verhaltensweisen im Zeitalter des Spätkapitalismus zu analysieren und sie zu hinterfragen: Wie können die Impulse des Herzens gemeistert werden? Was tun bei Liebeskummer? Warum enden Liebesgeschichten im Allgemeinen schlecht …? Und warum flattern manche Leute unentwegt, ohne jemals zu landen?

Nein, das Album liefert kein Plädoyer für ewige Treue und lebenslange Monogamie. Für das Gegenteil allerdings auch nicht. Strömquist ist zwar gewohnt ironisch, hält aber mit ihrer eigenen Meinung (meistens) hinter den Berg. Statt dessen analysiert und seziert sie typische Verhaltensmuster in (Liebes)beziehungen so pointiert, dass man auf diesen 176 Seiten mehr lernt, als in zwei Jahren Psychotherapie.

Es ist die Klarheit und Geradlinigkeit, mit der Strömquist unsere Beziehungen auseinanderdröselt, die Aha-Effekte auslöst. Da entschlüsseln sich plötzlich Zusammenhänge so einfach und banal, dass man sich fragt, weshalb man nicht selber drauf gekommen ist. Sie stellt Beziehungstheorien verschiedener Philosophen vor – u.a. mischen Sokrates, Fromm, Illouz, Kierkegaard, Doolittle, Tolstoi und der Hindu-Gott Shiva mit – vergleicht sie miteinander, und erklärt vor allem, dass wir die Art, wie wir unsere Beziehungen leben, automatisch an die jeweiligen gesellschaftlichen Konventionen anpassen. Heutzutage sind das vor allem Selbstverwirklichung, Konsum und Narzissmus – nicht gerade Grundlagen für langjährige Bindungen. Aber auch humoristische Elemente werden wieder eingeflochten. Unter anderem begegnen wir dem Druiden Miraculix und den Schlümpfen. Am Ende versöhnt man sich sogar mit ihrem eigenwilligem Layout. Es passt einfach wieder alles zusammen.

Liv Strömquist: Ich fühl´s nicht
176 Seiten, 20,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-028-9
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