Liebe auf Iranisch

deloupy-liebe-auf-iranischNach Satrapis kultigem Persepolis, nach Ein iranischer Albtraum und Zahra´s Paradise liegt mit diesem Album wieder ein Comic vor, der einen authentischen Einblick in das Land der Mullahs gibt. Thema ist das Liebesleben der unverheirateten Generation. Die hat angesichts der konservativen Moralvorstellungen der islamischen Regierung wenig Freude. Die Ehen werden nach wie vor auf höchst skurrile Weise von den Eltern arrangiert, ein intaktes Jungfernhäutchen in der Hochzeitsnacht ist Pflicht, was bedeutet, dass man seine Sexualität – falls man überhaupt einen Ort findet, an dem man dabei unbeobachtet ist – vor der Ehe nicht frei leben kann, das kleinste Stückchen Haut, das Frauen in der Öffentlichkeit außerhalb ihres Gesichts zeigen, kann nervige Konsequenzen haben, und wen die Sittenwächter nicht denunzieren, den denunzieren möglicherweise Eltern, Geschwister oder Verwandte. Also ungefähr so – und damit relativiert sich die Geschichte ein wenig – wie es bis Ende der 1960er Jahre auch in Westdeutschland der Fall gewesen ist.

Die Autoren haben zahlreiche Gespräche mit jungen Erwachsenen geführt. In deren Erzählungen wird nicht nur die politische Unterdrückung, sondern auch die erstickende Enge religiöser Traditionen spürbar. Dabei gehen die Betroffenen durchaus unterschiedlich mit ihrer Situation um. Manche sind ängstlich und bemühen sich, ihre Liebe nach außen zu verbergen, andere sind mutiger und testen Grenzen aus. Auf Veränderungen im politischen System, das wird leider auch sehr deutlich, hofft gegenwärtig kaum jemand von ihnen.

Ein bisschen nervig ist die betont konspirative Attitüde, mit der dieses Album daherkommt. Als ob diese Geschichten unter Lebensgefahr recherchiert worden wären. Davon abgesehen ist es ein sehr informativer Comic – ebenso schön erzählt wie gezeichnet.

Deloupy, Jane Deuxard: Liebe auf Iranisch
144 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-95839-543-5
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Marquise von O….

ciponte-marquise-von-oAls Heinrich von Kleists Novelle Marquise von O…. 1808 erstmals in der Literaturzeitschrift Phöbus erschien, zeigten sich Leser und Kritiker zumeist schockiert. Keine ehrbare Frau, so hieß es, könne das ohne Erröten lesen. Dabei war die Story damals im Grunde Alltag: Fremde Truppen erobern ein Land, die Eroberer vergewaltigen die Frauen, die Frauen werden schwanger, Ende der Geschichte. Natürlich redete man nicht darüber, denn Sex und Erotik waren des Teufels, und wer schwanger wurde, war selber Schuld.

Wahrscheinlich war diese verlogene Moral die Ursache dafür, dass die Marquise in Kleists Novelle zunächst jenseitige Gründe für ein Unwohlsein vermutet, das sie an ihre bisherigen Schwangerschaften erinnert. Hatte es ja schon einmal gegeben, diese unbefleckte Empfängnis – weshalb sollte sich das nicht wiederholen? Zur Sicherheit inseriert sie in der Zeitung: Durch diese Annonce lässt die Unterzeichnete bekannt machen, dass sie, ohne ihr Wissen, in andere Umstände gekommen ist. Der Vater zu dem Kinde, das sie gebären werde, möge sich melden. Aus Rücksicht auf ihre Familie ist sie entschlossen, ihn zu heiraten.

Kleist kritisiert in dieser Novelle die Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft, die ihren eigenen Ansprüchen von Sitte und Anstand nicht gerecht wird. Der kalabrische Maler, Filmemacher und Kunstprofessor Andrea Grosso Ciponte setzt die Geschichte in großartige Aquarelle um. Bewusst verwaschene Hintergründe, aus denen seine Figuren oft ebenso unklar hervortreten, transportieren die Fiktion, in die die Marquise sich hineinsteigert, sehr treffend. Dazu kommt, dass Dacia Palmerino Kleists Geschichte von allen Nebenhandlungen befreit und auf das Wesentliche reduziert hat, was dem Lesefluss sehr zugute kommt.

Das Album ist in der Reihe Dust Novel erschienen, mit der die Edition Faust zehn literarische Klassiker durch Andrea Grosso Ciponte interpretieren lassen will. Neben der Marquise von O…. liegen bislang Hoffmanns Sandmann, Schillers Geisterseher und Walpoles Schloss Otranto vor.

Top 10 2015Andrea Grosso Ciponte, Dacia Palmerino, H. von Kleist: Marquise von O….
64 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Edition Faust, ISBN 978-3-945400-09-8

Hedo Berlin

scheinberger-hedo-berlinNa, das ist ja ein tolles Ei, das sich der Jaja Verlag da zum fünfjährigen Jubiläum ins Nest gelegt hat. Kein Comic, sondern ein Skizzenbuch von Felix Scheinberger – und zwar ein rundum geniales. Der Jaja Verlag bricht schmerzfrei mit der Tradition, nur die unentdeckten Talente zu entdecken. Denn nun sind wir vom großen Talent Felix Scheinberger entdeckt worden, der sein undergroundiges Buch HEDO BERLIN unbedingt in einem coolen Berliner Underground Verlag herausbringen wollte, schreibt Jaja. Und man muss sagen, dass Scheinberger wahrscheinlich auch keinen passenderen Verlag für seinen Skizzenband hätte finden können, als den schrägen Verlag für fein illustrierte Machwerke, wie die Berliner ihre Produktpalette selbst charakterisieren.

Worum geht es in dem Band? Der KitKat Club und das Berghain zählen zu Berlins angesagtesten Techno-Locations. Wenn themenspezifische Parties mit Dresscode angesagt sind, geht es dort auch etwas freizügiger zu, und im Darkroom fallen die Hüllen ohnehin von alleine. Fotografieren ist verboten, aber skizzieren hat man Scheinberger erlaubt, und damit war der Illustrator voll in seinem Element. Das Ergebnis ist ein, wie immer bei Jaja, liebevoll gestalteter Band, in dem sich die Hedonisten der Hauptstadt ein Stelldichein geben. 136 Seiten, und so gut wie keine ist langweilig. Das hat man selten.

Dass Scheinberger als Jugendlicher in Punkbands am Schlagzeug gesessen hat, sieht man seinen Zeichnungen an. Sein auf den ersten Blick etwas krakelig wirkender Stil ist unglaublich lebendig, was durch die bewusste Unschärfe der Kolorierung noch betont wird. Da tummeln sich Gestalten, von denen man alles mögliche sagen kann – nur nicht, dass sie keinen Charakter hätten. Ein starker Band, den man lange ansehen kann, und der nicht zuletzt dadurch besticht, dass hier Erotik ohne jede Spur von Voyeurismus gezeigt wird.

Top 10 2016Felix Scheinberger: Hedo Berlin – Skizzen aus dem Berliner Nachtleben
136 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Jaja Verlag, ISBN 978-3-943417-99-9
Limitierte Vorzugsausgabe mit handsignierter Radierung: 126,- Euro
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