Marquise von O….

ciponte-marquise-von-oAls Heinrich von Kleists Novelle Marquise von O…. 1808 erstmals in der Literaturzeitschrift Phöbus erschien, zeigten sich Leser und Kritiker zumeist schockiert. Keine ehrbare Frau, so hieß es, könne das ohne Erröten lesen. Dabei war die Story damals im Grunde Alltag: Fremde Truppen erobern ein Land, die Eroberer vergewaltigen die Frauen, die Frauen werden schwanger, Ende der Geschichte. Natürlich redete man nicht darüber, denn Sex und Erotik waren des Teufels, und wer schwanger wurde, war selber Schuld.

Wahrscheinlich war diese verlogene Moral die Ursache dafür, dass die Marquise in Kleists Novelle zunächst jenseitige Gründe für ein Unwohlsein vermutet, das sie an ihre bisherigen Schwangerschaften erinnert. Hatte es ja schon einmal gegeben, diese unbefleckte Empfängnis – weshalb sollte sich das nicht wiederholen? Zur Sicherheit inseriert sie in der Zeitung: Durch diese Annonce lässt die Unterzeichnete bekannt machen, dass sie, ohne ihr Wissen, in andere Umstände gekommen ist. Der Vater zu dem Kinde, das sie gebären werde, möge sich melden. Aus Rücksicht auf ihre Familie ist sie entschlossen, ihn zu heiraten.

Kleist kritisiert in dieser Novelle die Doppelmoral der bürgerlichen Gesellschaft, die ihren eigenen Ansprüchen von Sitte und Anstand nicht gerecht wird. Der kalabrische Maler, Filmemacher und Kunstprofessor Andrea Grosso Ciponte setzt die Geschichte in großartige Aquarelle um. Bewusst verwaschene Hintergründe, aus denen seine Figuren oft ebenso unklar hervortreten, transportieren die Fiktion, in die die Marquise sich hineinsteigert, sehr treffend. Dazu kommt, dass Dacia Palmerino Kleists Geschichte von allen Nebenhandlungen befreit und auf das Wesentliche reduziert hat, was dem Lesefluss sehr zugute kommt.

Das Album ist in der Reihe Dust Novel erschienen, mit der die Edition Faust zehn literarische Klassiker durch Andrea Grosso Ciponte interpretieren lassen will. Neben der Marquise von O…. liegen bislang Hoffmanns Sandmann, Schillers Geisterseher und Walpoles Schloss Otranto vor.

Top 10 2015Andrea Grosso Ciponte, Dacia Palmerino, H. von Kleist: Marquise von O….
64 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Edition Faust, ISBN 978-3-945400-09-8

Hedo Berlin

scheinberger-hedo-berlinNa, das ist ja ein tolles Ei, das sich der Jaja Verlag da zum fünfjährigen Jubiläum ins Nest gelegt hat. Kein Comic, sondern ein Skizzenbuch von Felix Scheinberger – und zwar ein rundum geniales. Der Jaja Verlag bricht schmerzfrei mit der Tradition, nur die unentdeckten Talente zu entdecken. Denn nun sind wir vom großen Talent Felix Scheinberger entdeckt worden, der sein undergroundiges Buch HEDO BERLIN unbedingt in einem coolen Berliner Underground Verlag herausbringen wollte, schreibt Jaja. Und man muss sagen, dass Scheinberger wahrscheinlich auch keinen passenderen Verlag für seinen Skizzenband hätte finden können, als den schrägen Verlag für fein illustrierte Machwerke, wie die Berliner ihre Produktpalette selbst charakterisieren.

Worum geht es in dem Band? Der KitKat Club und das Berghain zählen zu Berlins angesagtesten Techno-Locations. Wenn themenspezifische Parties mit Dresscode angesagt sind, geht es dort auch etwas freizügiger zu, und im Darkroom fallen die Hüllen ohnehin von alleine. Fotografieren ist verboten, aber skizzieren hat man Scheinberger erlaubt, und damit war der Illustrator voll in seinem Element. Das Ergebnis ist ein, wie immer bei Jaja, liebevoll gestalteter Band, in dem sich die Hedonisten der Hauptstadt ein Stelldichein geben. 136 Seiten, und so gut wie keine ist langweilig. Das hat man selten.

Dass Scheinberger als Jugendlicher in Punkbands am Schlagzeug gesessen hat, sieht man seinen Zeichnungen an. Sein auf den ersten Blick etwas krakelig wirkender Stil ist unglaublich lebendig, was durch die bewusste Unschärfe der Kolorierung noch betont wird. Da tummeln sich Gestalten, von denen man alles mögliche sagen kann – nur nicht, dass sie keinen Charakter hätten. Ein starker Band, den man lange ansehen kann, und der nicht zuletzt dadurch besticht, dass hier Erotik ohne jede Spur von Voyeurismus gezeigt wird.

Top 10 2016Felix Scheinberger: Hedo Berlin – Skizzen aus dem Berliner Nachtleben
136 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Jaja Verlag, ISBN 978-3-943417-99-9
Limitierte Vorzugsausgabe mit handsignierter Radierung: 126,- Euro
> Leseprobe

Giacomo C.

griffo-giacomo-cDer Verlag comicplus+ publiziert vorzugsweise Abenteuerserien im Stil der Comics der 1980er Jahre. Reihen wie Tramp, Der Schrei des Falken, Unterwegs oder 10 Gebote sind Beispiele für unterhaltsame Geschichten, die nicht selten an (authentische) historische Ereignisse angelehnt sind. Inzwischen geht der Verlag dazu über, diese ursprünglich als Softcover-Ausgabe erschienenen Reihen in gediegenem Hardcover neu aufzulegen, wobei comicplus+ immer gleich mehrere Alben einer Serie in eine HC-Ausgabe packt. Die sind nicht nur mit zusätzlichen Informationen über Zeit, Zeichner und Entstehung angereichert, sondern die Auflagen wurden auch auf jeweils 1000 Exemplare pro Band limitiert, was für Sammler einen zusätzlichen Anreiz darstellt.

Das gilt auch für die amouröse Gaunerkomödie Giacomo C., deren erster Einzelband 2001 bei comicplus+ erschien ist. Die Geschichten über das Leben und Lieben des Abenteurers Giacomo im Venedig des 18. Jahrhunderts legt der Verlag jetzt in sechs Hardcoverbänden als Gesamtausgabe neu auf, wobei jeder HC-Band drei ursprüngliche Softcoverausgaben enthält. Das C in Giacomos Namen soll natürlich an Casanova erinnern, aber mit dem großen Verführer hat unser Held nur insofern etwas zu tun, als auch er einem erotischen Abenteuer nicht abgeneigt ist. Die meiste Zeit ist er allerdings damit beschäftigt, seine Geldprobleme zu lösen – nicht selten mit Hilfe einflussreicher Damen.

Das Schöne an der Reihe ist nicht nur die Buntheit der Kulisse, sondern auch die Vielfalt der Charaktere. Giacomo bewegt sich im Bettlermilieu ebenso sicher wie in Kreisen des Hochadels, und sein bauernschlauer Diener Parmeno hilft ihm aus mancher Patsche. Vor allem, wenn Giacomo wieder einmal dabei helfen soll, Mord und Betrug in höchsten Kreisen aufzuklären. Zwei Bände der Gesamtausgabe sind bislang erschienen.

Griffo, Jean Dufaux: Giacomo C. (Gesamtausgabe)
6 Bände à 160 Seiten, gebunden, jeweils 34,- Euro, comicplus+
> Leseprobe