Nick Cave

kleist-nick-cave-mercyNa, das ist lustig: Die Idee dazu ging mir bereits seit Jahren im Sinn herum, aber ich verfolgte sie erst, als ich von all den düsteren Stoffen wie Holocaust (Der Boxer) und Migration (Der Traum von Olympia) die Nase voll hatte und wieder etwas Leichteres machen wollte, schriebt Kleist über seine Arbeit an diesem Band. Als ob die düsteren Visionen in Caves Songs mit ihren Killern und Hinrichtungen und sonstigem Irrsinn leicht konsumierbar wären. Das sind diese Geschichten wahrlich nicht – nicht zuletzt deshalb, weil Kleist es meisterhaft versteht, sie durch Anreicherung eigener Fantasien inhaltlich und optisch auf die Spitze zu treiben.

Denn dieses Album ist kein Comic – es ist eine Explosion. Eine Explosion kreativer Ideen, die expressive Bilder mit einer Fantasie verbinden, die sich um keinerlei Realitätsbezug mehr schert. Damit gleich sich Kleist an Cave an, und das ist gut so. Statt einer chronologisch aufbereiten Biografie erwartet den Leser ein Einblick in die Zerrissenheit eines Künstlers, die Kleist anhand dessen Songs darstellt, indem er Cave zur Hauptfigur seiner eigenen Liedern macht. Das ist eine geniale Idee und erlaubt es dem Autor, Energie wie Düsternis der Caveschen Welt mit Power auf die Seiten zu packen.

Eingebettet in die Songs sind Episoden aus dem realen Leben des Sängers und Poeten – von Australien über London nach Berlin und wieder zurück geht die Reise. Die Bands, die Konzerte, die Drogen, die Revolte, die Selbstinszenierung, die Zweifel, die Erfolge und die Flops – alles drin. Und wie!

Ein kleines Manko sind die Erzähltexte, in die Kleist seine Geschichten einbettet. Sie wirken teilweise abgelutscht und kitschig, aber die Grenze zwischen Pathos und Kitsch ist auch im wirklichen Leben schmal. Davon abgesehen ist dieses Album wahrscheinlich das beste, das er je gemacht hat: großes Kino und echte Kunst in einem. Man könnte sich jede zweite Seite einrahmen und an die Wand hängen, und dass dieser Comic Preise ohne Ende abräumen wird, ist jetzt schon klar.

Ich bin kein großer Nick Cave-Fan, aber dieses Album kommt auch dann gut, wenn man mit Caves Musik wenig am Hut hat. Obwohl man es natürlich besser versteht, wenn man mit seiner Welt vertraut ist. Auch Englischkenntnisse sollten vorhanden sein – die Original-Songtexte sind in die Geschichten integriert und nicht selten Träger der Handlung.

Reinhard Kleist: Nick Cave – Mercy on me
328 SW-Seiten, gebunden, 24,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-76466-9
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kleist-nick-cave-artbookWenn man an einem so umfangreichen Projekt wie an einem Album über Nick Cave arbeitet, fallen viele Skizzen, Entwürfe und Ideen an, die es nicht in das Album schaffen. Sie sind in diesem Band versammelt, der in quadratischem LP-Cover-Format daherkommt. Großartige, meist ganzseitige Bilder, in denen das pure Leben tobt.

Um die reine Aneinanderreihung von Cave-Skizzen abwechslungsreicher zu gestalten, hat Kleist für das Artbook noch ein paar weitere Songs illustriert und als Kurzcomics eingefügt. Auch die mit den englischen Originaltexten.

Welches der beiden Alben soll man sich zulegen? Im Grunde beide, denn die Zeichnungen sind in beiden zum Niederknien stark. Wer weniger an Cave und mehr an Kleist interessiert ist, für den bietet das Artbook allerdings den besseren Einstieg.

Reinhard Kleist: Nick Cave And The Bad Seeds (Artbook)
96 Seiten, gebunden, 24,99 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-76329-7
> Leseprobe

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Souvenir

niemann-souvenierDer Verlag schreibt: Ein hochwertig ausgestatteter Kunstband mit über 150 Tusche- und Bleistiftzeichnungen. Christoph Niemann erzählt mit seinen Bildern die Geschichten ferner und naher Orte und zeichnet verrückte Porträts von Menschen und Dingen. Es sind Beobachtungen über das Unterwegssein, das Ankommen, das Eintauchen, über die Melancholie beim Reisen und das Abenteuer in der Fremde, über skurrile Begegnungen und faszinierende Beobachtungen. Meisterhafte, iko­nische Zeichnungen, die mit wenigen Strichen die Magie, das Licht und die Stimmung eines Ortes einzufangen vermögen.

Das ist wohl wahr – und einfach faszinierend, mit wie wenigen Strichen Niemann (Illustrator, Grafiker und Autor) so viel Ausdruck gelingt. Und nein: Das ist kein Comic, sondern ein reiner Bildband. Ausgangssituation für die Entstehung der Bilder sind Niemanns Reisen. Im Grunde kennt das jeder: Man kann mit dem Smartphone ruckzuck Fotos schießen, aber wenn man sie zuhause zeigt, sehen die Betrachter zwar den Eiffelturm, Notre Dame oder den Rhein bei Basel – aber die besondere Atmosphäre, die man mit diesem Foto einfangen wollte, die sehen sie nicht.

Für Niemann ein Grund, nicht zu fotografieren, sondern zu zeichnen. Wobei er zugibt, dass auch dabei nicht jeder Versuch gelingt. Wenn man sich die Bilder ansieht, erkennt man nicht zwangsläufig das Motiv. Der Bahnhof z.B. (Seite 129)  könnte überall stehen. Dass es der Frankfurter HBF ist, erfährt man erst durch den Titel. Auch die Brücke auf Seite 24 müsste nicht in Prag stehen – auf den ersten Blick könnte es auch Heidelberg oder London oder sonstwo sein. Das ist aber ok, denn Niemann geht es eben nicht um eine grafisch exakte Wiedergabe, sondern darum, Atmosphäre einzufangen. Und das schafft er meisterhaft.

Mit den (wenigen) Bleistiftzeichnungen und Siebdrucken im Buch kann ich nichts anfangen. Sie wirken oft hölzern und statisch. Aber die Tusche! Wie weich er die Striche in den Hintergrund fließen lässt und dem Betrachter mit feinsten monochromen Farbabstufungen Streicheleinheiten in die Augen zaubert, das ist einfach geil. Das langweilige SW-Cover täuscht. Die Leseprobe schafft da bessere Einblicke.

Christoph Niemann: Souvenir
256 Seiten, Hardcover Leinen, 49,- Euro, Diogenes, ISBN 978-3-257-02149-3
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Venedig

taniguchi-venedigEs gibt Zeichner, die sind klasse, aber man findet keinen rechten Zugang zu ihnen. Zu dieser Sorte gehört in meinem Fall der im Februar verstorbene Japaner Jiro Taniguchi. Mit Manga kann ich eh nichts anfangen – die Manga-Bände in meinem Regal kann man ziemlich exakt an einer Hand abzählen – und auch, wenn Taniguchi in all seinen Alben starke Zeichnungen abgeliefert hat: Seine Geschichten waren meist so einschläfernd, dass ich sie nie bis zum Ende geschafft habe.

Eine kleine Ausnahme ist sein Louvre-Band. Da ging es mehr um die Bilder als um die Story, und das ist bei Venedig nicht anders. Auch dort gibt es einen lockeren Faden, mit dem Taniguchi versucht, den Bildern eine Geschichte zu geben – eine ziemlich rührende übrigens. Aber er hätte auch darauf verzichten können, denn seine Ansichten von Venedig sprechen für sich. Das ist ein Album, in dem er durch die Gassen der Altstadt streift, über die Kanäle gondelt und am Schluss noch ein paar zauberhafte Impressionen von Venedig by night beisteuert. Die Motive sind vielfältig: Rialtobrücke, San Giorgio, Marinemuseum, Canal Grande, Palazzo Grimani, Riva del Vin, Basilika San Maro, Dogenpalast und und und …

In den Bildern trifft venezianische Geschichte auf japanische Strenge. Das gibt ihnen eine Unterkühltheit, die nicht zu den Kitschpostkarten von Venedig passen will, sie aber gerade dadurch interessant macht. Die exakten Geometrien, die Taniguchi in jedem Gebäude findet, und die er gerne in den Vordergrund stellt, wechseln mit weicheren Motiven, und sanft im Abendwind schaukelnde Gondeln kommen bei ihm ganz ohne Kitsch daher. Einmal Venedig ohne Touristen – hier wird ein Traum erfüllt.

Jiro Taniguchi: Venedig
144 Seiten, Querformat, 29,90 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-74419-7