Souvenir

niemann-souvenierDer Verlag schreibt: Ein hochwertig ausgestatteter Kunstband mit über 150 Tusche- und Bleistiftzeichnungen. Christoph Niemann erzählt mit seinen Bildern die Geschichten ferner und naher Orte und zeichnet verrückte Porträts von Menschen und Dingen. Es sind Beobachtungen über das Unterwegssein, das Ankommen, das Eintauchen, über die Melancholie beim Reisen und das Abenteuer in der Fremde, über skurrile Begegnungen und faszinierende Beobachtungen. Meisterhafte, iko­nische Zeichnungen, die mit wenigen Strichen die Magie, das Licht und die Stimmung eines Ortes einzufangen vermögen.

Das ist wohl wahr – und einfach faszinierend, mit wie wenigen Strichen Niemann (Illustrator, Grafiker und Autor) so viel Ausdruck gelingt. Und nein: Das ist kein Comic, sondern ein reiner Bildband. Ausgangssituation für die Entstehung der Bilder sind Niemanns Reisen. Im Grunde kennt das jeder: Man kann mit dem Smartphone ruckzuck Fotos schießen, aber wenn man sie zuhause zeigt, sehen die Betrachter zwar den Eiffelturm, Notre Dame oder den Rhein bei Basel – aber die besondere Atmosphäre, die man mit diesem Foto einfangen wollte, die sehen sie nicht.

Für Niemann ein Grund, nicht zu fotografieren, sondern zu zeichnen. Wobei er zugibt, dass auch dabei nicht jeder Versuch gelingt. Wenn man sich die Bilder ansieht, erkennt man nicht zwangsläufig das Motiv. Der Bahnhof z.B. (Seite 129)  könnte überall stehen. Dass es der Frankfurter HBF ist, erfährt man erst durch den Titel. Auch die Brücke auf Seite 24 müsste nicht in Prag stehen – auf den ersten Blick könnte es auch Heidelberg oder London oder sonstwo sein. Das ist aber ok, denn Niemann geht es eben nicht um eine grafisch exakte Wiedergabe, sondern darum, Atmosphäre einzufangen. Und das schafft er meisterhaft.

Mit den (wenigen) Bleistiftzeichnungen und Siebdrucken im Buch kann ich nichts anfangen. Sie wirken oft hölzern und statisch. Aber die Tusche! Wie weich er die Striche in den Hintergrund fließen lässt und dem Betrachter mit feinsten monochromen Farbabstufungen Streicheleinheiten in die Augen zaubert, das ist einfach geil. Das langweilige SW-Cover täuscht. Die Leseprobe schafft da bessere Einblicke.

Christoph Niemann: Souvenir
256 Seiten, Hardcover Leinen, 49,- Euro, Diogenes, ISBN 978-3-257-02149-3
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Venedig

taniguchi-venedigEs gibt Zeichner, die sind klasse, aber man findet keinen rechten Zugang zu ihnen. Zu dieser Sorte gehört in meinem Fall der im Februar verstorbene Japaner Jiro Taniguchi. Mit Manga kann ich eh nichts anfangen – die Manga-Bände in meinem Regal kann man ziemlich exakt an einer Hand abzählen – und auch, wenn Taniguchi in all seinen Alben starke Zeichnungen abgeliefert hat: Seine Geschichten waren meist so einschläfernd, dass ich sie nie bis zum Ende geschafft habe.

Eine kleine Ausnahme ist sein Louvre-Band. Da ging es mehr um die Bilder als um die Story, und das ist bei Venedig nicht anders. Auch dort gibt es einen lockeren Faden, mit dem Taniguchi versucht, den Bildern eine Geschichte zu geben – eine ziemlich rührende übrigens. Aber er hätte auch darauf verzichten können, denn seine Ansichten von Venedig sprechen für sich. Das ist ein Album, in dem er durch die Gassen der Altstadt streift, über die Kanäle gondelt und am Schluss noch ein paar zauberhafte Impressionen von Venedig by night beisteuert. Die Motive sind vielfältig: Rialtobrücke, San Giorgio, Marinemuseum, Canal Grande, Palazzo Grimani, Riva del Vin, Basilika San Maro, Dogenpalast und und und …

In den Bildern trifft venezianische Geschichte auf japanische Strenge. Das gibt ihnen eine Unterkühltheit, die nicht zu den Kitschpostkarten von Venedig passen will, sie aber gerade dadurch interessant macht. Die exakten Geometrien, die Taniguchi in jedem Gebäude findet, und die er gerne in den Vordergrund stellt, wechseln mit weicheren Motiven, und sanft im Abendwind schaukelnde Gondeln kommen bei ihm ganz ohne Kitsch daher. Einmal Venedig ohne Touristen – hier wird ein Traum erfüllt.

Jiro Taniguchi: Venedig
144 Seiten, Querformat, 29,90 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-74419-7

Hedo Berlin

scheinberger-hedo-berlinNa, das ist ja ein tolles Ei, das sich der Jaja Verlag da zum fünfjährigen Jubiläum ins Nest gelegt hat. Kein Comic, sondern ein Skizzenbuch von Felix Scheinberger – und zwar ein rundum geniales. Der Jaja Verlag bricht schmerzfrei mit der Tradition, nur die unentdeckten Talente zu entdecken. Denn nun sind wir vom großen Talent Felix Scheinberger entdeckt worden, der sein undergroundiges Buch HEDO BERLIN unbedingt in einem coolen Berliner Underground Verlag herausbringen wollte, schreibt Jaja. Und man muss sagen, dass Scheinberger wahrscheinlich auch keinen passenderen Verlag für seinen Skizzenband hätte finden können, als den schrägen Verlag für fein illustrierte Machwerke, wie die Berliner ihre Produktpalette selbst charakterisieren.

Worum geht es in dem Band? Der KitKat Club und das Berghain zählen zu Berlins angesagtesten Techno-Locations. Wenn themenspezifische Parties mit Dresscode angesagt sind, geht es dort auch etwas freizügiger zu, und im Darkroom fallen die Hüllen ohnehin von alleine. Fotografieren ist verboten, aber skizzieren hat man Scheinberger erlaubt, und damit war der Illustrator voll in seinem Element. Das Ergebnis ist ein, wie immer bei Jaja, liebevoll gestalteter Band, in dem sich die Hedonisten der Hauptstadt ein Stelldichein geben. 136 Seiten, und so gut wie keine ist langweilig. Das hat man selten.

Dass Scheinberger als Jugendlicher in Punkbands am Schlagzeug gesessen hat, sieht man seinen Zeichnungen an. Sein auf den ersten Blick etwas krakelig wirkender Stil ist unglaublich lebendig, was durch die bewusste Unschärfe der Kolorierung noch betont wird. Da tummeln sich Gestalten, von denen man alles mögliche sagen kann – nur nicht, dass sie keinen Charakter hätten. Ein starker Band, den man lange ansehen kann, und der nicht zuletzt dadurch besticht, dass hier Erotik ohne jede Spur von Voyeurismus gezeigt wird.

Top 10 2016Felix Scheinberger: Hedo Berlin – Skizzen aus dem Berliner Nachtleben
136 Seiten, gebunden, 28,- Euro, Jaja Verlag, ISBN 978-3-943417-99-9
Limitierte Vorzugsausgabe mit handsignierter Radierung: 126,- Euro
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