Stell dich nicht an, Mann!

koenig-stell-dich-nicht-an-mannVerlagstext: Ralf König jammert über das Altwerden: auf hohem Niveau und höchst unterhaltsam. Schon der griechische Philosoph Perplex wusste: Altern bedeutet für Männer 1. Dick werden 2. Träge werden 3. Jammern. Ralf König, Spezialist für die Midlife Crisis, hat diese zeitlose philosophische Lehre mit neuem Leben gefüllt: mit Dramoletten zu Themen wie Libidoschwäche und ernsten Vater-Sohn-Gesprächen, mit fein gereimten Vergänglichkeitsversen und mit einer großen Comicgeschichte aus dem alten Griechenland, in der attraktive Fischer und berückend-gefährliche Sirenen die Hauptrollen spielen. Soviel kann schon verraten werden: Die Jugend kehrt nicht zurück.

Nee, das tut sie nicht. Und das ist das wirklich Schlimme an diesem kleinformatigen Büchlein: Es ist alles wahr! Na, jedenfalls fast alles. Wer also männlich und um die 50 ist sollte zur Lektüre eine Packung Taschentücher oder ein starkes alkoholisches Getränk bereithalten – oder beides. Denn eins ist klar: Es wird nicht besser im Alter. Da kann König noch so schöne Reime schmieden.

Dieses Büchlein macht womöglich / das Unerträgliche erträglich:
Wer unter Wechseljahren leidet, / doch Arzt und Psychologen meidet,
wer um die 50 ist und alt, / der findet hier womöglich bald
ein wenig Rat und Trost und Halt!

Rat und Trost? Bei der Realitätsnähe? Aber was die jüngeren Leser angeht: Viel Spaß. Man glaubt ja nie, dass man selbst alt wird. Bis man es ist. Und dieses kleine Werk, das kein reiner Comic ist, sondern auch unterhaltsame Komödien (als Theaterstück) und gewohnt schräge Verse des Meisters beinhaltet, ist zwar, obwohl es um das gleiche Thema geht, nicht ganz so schön wie Herbst in der Hose, aber im Gegensatz zu seinem Stehaufmännchen wieder pointiert und lesenswert. Voll aus dem Leben eben.

Ralf König: Stell dich nicht an, Mann!
Ein Seufz- und Jammerbuch für die besten Jahre
124 Seiten, gebunden 15,- Euro, Carlsen, ISBN 9783499000164

Calypso

cosey-calypsoVerlagstext: Als Gus, ein über 60jähriger Bauarbeiter, behauptet, die verstorbene Georgia Gould, Star des legendären Films Calypso und Sexsymbol vergangener Tage, sehr gut gekannt zu haben, wird er von seinen Kollegen ausgelacht. Allerdings stellt es sich heraus, dass die schöne Georgia noch gar nicht von dieser Welt gegangen ist. Der alternde Filmstar bekämpft seine Abhängigkeiten in der luxuriösen und verschwiegenen Klinik Edelweiß, die über dem Genfersee liegt. Dort macht Georgia Gus und seinem Kollegen Pepe ein unerwartetes Angebot…

Also eins muss man Cosey lassen: Der Mann hat die Ruhe weg. Selbst wenn seine Figuren in knifflige Situationen geraten, kommt keine Hektik auf. Die Spannung bleibt trotzdem. Dazu kommt, dass er Genres so locker durcheinander schmeißt, als würde er mit Federn jonglieren. In diesem Fall mischt er einen raffinierten Krimi mit einer zärtlichen Lovestory. Beides kann er prima, und selbst wenn eine Geschichte tragisch endet, bleibt das Gefühl, dass alles richtig und gut ist, wie es ist. Das hat er unter anderem in seinem Album Ein Haus von Frank L. Wright gezeigt.

Auch in Calypso ist keine Eile. Das würde angesichts des fortgeschrittenen Alters der Protagonisten auch nicht passen. Ein Wiedersehen nach Jahrzehnten der Trennung, eine originelle Idee, um die Rente aufzubessern, ein überraschendes Ende und eine unerwartete Fortsetzung – alles da, um eine gute Geschichte zu erzählen. Einziges (kleines) Manko: Die Zeichnungen sind durchgehend schwarzweiß. Das ist an sich nicht schlecht, aber Cosey bringt in Farbe einfach dichtere Atmosphären auf die Seiten.

Cosey: Calypso
104 SW-Seiten, gebunden, 20,- Euro, Salleck, ISBN 978-3-89908-693-5
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Leichte Beute

prado-leichte-beuteMiguelanxo Prado ist ein vielseitiger Künstler. Der mit so ziemlich allen wichtigen Comic-Preisen ausgezeichnete Spanier hat so unterschiedliche Alben vorgelegt wie De Profundis (Fantasy), Peter und der Wolf (Adaption), Berührungen (Erotik), Der tägliche Wahn (Satire) und sein wunderschönes Ardalén, in dem sich alles um das Thema Identität und Erinnerung dreht.

Sein neues Album Leichte Beute ist ein Krimi, komplett in Schwarzweiß gehalten. Prado setzt sich darin mit den Auswirkungen von Investmentbanking und spekulativen Immobilien-Geschäften auseinander, die in den USA und Europa dazu geführt haben, dass viele Menschen finanziell ruiniert wurden, teilweise sogar ihre Wohnungen verloren.

Die Banker kassierten dagegen fette Boni und machten sich damit sehr unbeliebt. So ist es kein Wunder, dass Kommissarin Tabares und Kommissar Sortillo den Tod eines Mitarbeiters der Banco Ovejero aufklären müssen. Wahrscheinlich wurde er vergiftet. Doch bevor sie auch nur halbwegs alle Fakten beisammen haben, trifft es den nächsten: José Manuel de la Villa wird von einem Auto angefahren und stirbt im Krankenhaus. Die Kommissare hoffen, das es sich um einen Unfall handelt. Ansonsten müssten sie von einem Serientäter oder Terroristen ausgehen. Keine angenehme Vorstellung.

Prado erzählt hier eine Geschichte der Rache und präsentiert einen Plot, den man so nicht erwartet. Das ist ebenso originell wie politisch unkorrekt und erfrischend zu lesen. Seine Figuren mit ihren vom Leben gezeichneten Gesichtern kommen wie immer absolut authentisch rüber. Nur das lieblose Schreibmaschinen-Lettering passt nicht wirklich zu den gefühlvollen Bleistift-Zeichnungen.

Top 10 2018Miguelanxo Prado: Leichte Beute
96 SW-Seiten, HC, 18,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73428-0
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