Vergiss mich nicht

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Ein Roadtrip der besonderen Art. Verlagstext: Die neunzigjährige Marie-Louise hat Alzheimer. Nach einem waghalsigen Fluchtversuch aus dem Pflegeheim entscheidet ihre Tochter, dass sie durch starke Medikamente ruhiggestellt werden muss. Marie-Louises Enkelin Clémence jedoch kann diesen drastischen Schritt nicht akzeptieren und beschließt, ihre Großmutter zu entführen. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem Haus aus Marie-Louises Kindheit – eine Flucht, eine Ablenkung und vielleicht ein Weg zurück ins Leben. Oder ist es eher ein Abschied? Für ihr eindrucksvolles Debütwerk schöpft Zeichnerin Alix Garin aus ihren eigenen Erfahrungen im Umgang mit Betroffenen von Demenzerkrankungen, die oft unheilbar und fast immer eine schwere Bürde für das Umfeld der Patienten sind.

Es dauert eine Weile, bis diese Geschichte in Schwung kommt – aber dann nimmt sie richtig Fahrt auf. Ausgangspunkt ist die Frage, ob man einen Mensch, der sich aufgrund geistiger Verwirrung immer wieder unabsichtlich selbst gefährdet, mit Medikamenten ruhigstellen soll, oder … – ja, oder was? Welche Alternative gibt es? Realistisch gesehen keine, falls man nicht jemanden findet, der sich rund um die Uhr um die Person kümmert. Aber wovon sollen sie das finanzieren?

Enkelin Clémence denkt nicht in Ewigkeiten, sondern handelt im Hier und Jetzt. Sie packt ihre Großmutter kurzentschlossen in ein Auto und fährt los. Denn Omi möchte gerne das Haus ihrer Kindheit wiedersehen. Das ist weit entfernt, und es stellt sich heraus, dass man auch während der Fahrt rund um die Uhr auf die eigenwillige Omi aufpassen muss. Ein gut gezeichnetes Album mit einem originellen Schluss, das manche Überraschung parat hält und ein Problem thematisiert, mit dem sich früher oder später viele von uns rumschlagen müssen.

Alix Garin: Vergiss mich nicht
Übersetzung von Harald Sachse
224 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-148-9
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Im Spiegelsaal + Celestia

Ein Album über weibliche Eitelkeiten und darüber, wie sie entstehen und wer sie macht. Verlagstext: Bereits 2003 schrieb die Philosophin Susan Bordo, dass wir in einem „Imperium der Bilder“ leben. In den letzten Jahren wurde diese Theorie mehr und mehr zur Realität: Eine iPhone-Kamera in jeder Hand, und dank der weit verbreiteten Social-Media-Nutzung ertrinken wir in einer Flut der Bilder… Wie hat sich unser Schönheitsempfinden dadurch verändert? Diese Frage wird in fünf Essays, die sich dem Thema jeweils aus einer anderen Perspektive nähern, untersucht. Die Schwedin Liv Strömquist ist ein Phänomen. Ihre augenzwinkernden, minutiös recherchierten Sachcomics gehören zu den meist verkauften Graphic Novels weltweit.

Und auch diese – erstmals farbige! – wird sich gut verkaufen. Wie immer legt die schwedische Soziologin und Feministin den Finger in die Wunde und erläutert haarklein, wie sich Schönheitsbewusstsein im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, wie man sich im Streben danach seinen eigenen Feind anzüchtet, wozu es heute dient und wie es vermarktet wird: Eine ganze Phalanx von Industriezweigen trug dazu bei, die Sexualisierung von Frauen und, später, von Männern, voranzutreiben… Die Sexualität war zu dem Projekt geworden, sich mit Hilfe eines breiten Konsumwarensortiments zu inszenieren, indem man ganz viele Sachen kauft. Und den Kram danach auf Instagram postet.

Interessant sind die Beispiele berühmter Vorbilder, wie das der österreichischen Kaiserin Sissi, die alles dafür tat, um das Bild, das sie der Außenwelt von ihrer Schönheit vermitteln wollte, zu kultivieren. Beginnen tut Strömquist aber mit der Influencerin Kylie Jenner und fragt, wie und weshalb solche Wesen zu einem Vorbild werden. Ein Album, das sich ebenso unterhaltsam und informativ liest wie ihre bisherigen (z.B. Der Urspung der Welt oder Ich fühl´s nicht).

Top 10 2021  Liv Strömquist: Im Spiegelsaal
Übersetzung aus dem Schwedischen von Katharina Erben
168 Seiten, 20,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-062-3
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Tolle Bilder, schwache Story. Der Verlag schreibt über das neue Album von Fior: Die „große Invasion“ kam vom Meer und bewegte sich entlang der Küste nach Norden. Viele sind geflohen, einige haben auf einer Inselstadt Zuflucht gesucht, die vor über tausend Jahren auf dem Wasser erbaut wurde. Sie heißt Celestia. Vom Festland abgeschnitten, ist sie zu einem seltsamen Ghetto geworden, einer Heimat für Kriminelle und Außenseiter, aber auch der Zufluchtsort für eine Gruppe junger Telepathen. Zwei von ihnen, Dora und Pierrot, fliehen von der Insel und entdecken auf dem Festland eine Welt, in der Erwachsene sich als Hüter der „alten Welt“ verstehen und eine neue Generation von Kindern die Gesellschaft zu einer neuen Menschlichkeit führen soll. Celestia ist eine SF-Geschichte, eine Reflexion über die Zukunft der Menschheit, über ihre mögliche Entwicklung als Spezies und über die kommenden Herausforderungen, denen sie sich stellen muss in mehr oder weniger naher Zukunft.

Weshalb dieses Album eine Reflexion über die Zukunft der Menschheit… und kommende Herausforderungen sein soll erschließt sich nicht wirklich. Fior erklärt weder, was für eine große Invasion da stattgefunden haben, noch, weshalb die Zukunft der Menschheit in Telepathie liegen soll. Statt dessen präsentiert er eine assoziativ erzählte, ziemlich zusammengehirnt wirkende Story, die alles und nichts bedeuten kann und ziemlich in der Luft hängt. Das ist furchtbar schade, denn die Zeichnungen sind einfach wieder super: Die Figuren, ihre Bewegungen, die Umhänge, die Explosion, die Farben…

Und obwohl ich mich vorab sehr auf das neue Album von Fior gefreut habe, geht es mir damit wie mit den neuen Alben von Baru und Prado – wie immer klasse gezeichnet, aber was für eine Story! Von der Comic-Star Jeff Lemire (Essex Country, Descender…) im Gegensatz zu mir sagt: „Celestia ist eine Offenbarung und eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe.“ Tja – am Ende müsst ihr das dann für euch selber entscheiden.

Manuele Fior: Celestia
Übersetzung aus dem Italienischen von Myriam Alfano
272 Seiten, gebunden, 29,- Euro, avant, ISBN 978-3-96445-057-9
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Trotz allem… Liebe

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Eine absolut ungewöhnliche Lovestory. Der Verlag schreibt: Dies ist die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Menschen. Einer in Rückblenden erzählten Liebe, vom Rendezvous am Lebensabend, so unendlich vertraut und verständnisvoll, bis hin zur ersten Begegnung im Sturm der Leidenschaft. Selten waren zwei Menschen so unterschiedlich wie Ana und Zeno – sie zielstrebig, ehrgeizig, charismatisch, Bürgermeisterin und Mutter, er ein Träumer, ein Freigeist, Buchhändler und ewiger Student, verführerisch und geheimnisvoll. Und doch teilen sie das stärkste Band, das zwei Menschen einen kann. Mit mühelos elegantem Strich, leichtherzigem Ton und beseelt von einem tiefen Verständnis für das, was zwei Menschen über Jahrzehnte miteinander verbindet…

Und genau so ist es: mühelos eleganter Strich und leichter Ton. Was bei solch einer Geschichte nicht einfach ist. Viele Menschen erliegen immer noch dem Irrtum, für eine gute und dauerhafte Beziehung sei es ausreichend, sich zu lieben. Großer Fehler. Jemanden anzuschmachten und / oder abgefahrenen Sex zusammen zu haben, heißt noch lange nicht, dass man auch zusammen leben kann. Man merkt es oft zu spät und zerfleischt sich gegenseitig in sinnlosen Vorwürfen.

Zeno, der Mann in dieser Geschichte, kennt sich aus. Er liebt den Sternenhimmel und weiß: Erde und Mond umkreisen sich seit Jahrhunderten und können ohne einander nicht sein. Aber er weiß eben auch: Würden sie ihrer Sehnsucht nachgeben und sich berühren käme es zu einer Katastrophe. Trotzdem lässt ihn der Gedanke an Ana nicht los. Und sie der an ihn auch nicht. So umkreisen sie einander seit Jahren in sicherem Abstand.

Da Zeno an einer Doktorarbeit schreibt, mit der er beweisen möchte, dass Zeit auch rückwärts laufen kann, erzählt Lafebre seine Geschichte von hinten nach vorne. Er fängt mit dem 20. Kapitel an und arbeitet sich langsam bis Kapitel eins durch. Das ist eine originelle Idee, noch dazu mit so viel Humor gezeichnet, wie man das auch von seiner Lydie kennt. Ein Album für Romantiker. Nicht ohne Tiefgang und très français.

Top 10 2021  Jordi Lafebre: Trotz allem… Liebe
Aus dem Französischen von Anne Bergen
152 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96792-136-6
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