Jan Karski

bonaccorso-ja-karskiEs gibt Dinge, die will man nicht wissen. Einfach deshalb, weil man sich, wenn man sie wüsste, dazu verhalten müsste. Was nicht nur der eigenen Bequemlichkeit zuwider laufen, sondern auch unangenehme Konsequenzen haben könnte. Die Geschichte von Jan Karski jedenfalls wollte niemand hören. Churchill nicht, und Roosevelt auch nicht. Und als Karski sie ihnen trotzdem erzählte, wollten sie ihm nicht glauben. Sie waren nicht die einzigen. Auch nachdem nach Kriegsende sämtliche Beweise vorlagen, wollten die Deutschen nicht glauben, dass Volk und Führer sechs Millionen Juden ermordet hatten. Es gibt Leute, die bestreiten das heute noch.

Karski (1914 – 2000), gelernter Jurist und Diplomat, war ein polnischer Offizier zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Während des Kriegs wurde er gefangen genommen, konnte fliehen und schloss sich der Widerstandsbewegung an. Die schleuste ihn illegal in das Warschauer Ghetto ein, damit er sich ein eigenes Bild von den Lebensbedingungen machen konnte. Später auch in das Vernichtungslager Bełzec. Sein Auftrag: das, was er mit eigenen Augen gesehen hatte, den Leitern der Anti-Hitler-Koalition in London und Washington mitzuteilen, um sie dazu zu bewegen, den Vernichtungsfeldzug gegen die Juden zu stoppen.

In diesem Band erzählen Lelio Bonaccorso und Marco Rizzo die Geschichte von Karski, der oft gefangen genommen und gefoltert wurde, aber immer einen Ausweg fand. 1992 wurde er, der nach dem Krieg Bücher über seine Erlebnisse schrieb, in die Liste der Gerechten unter den Völkern aufgenommen und zum Ehrenbürger Israels ernannt. 1985 wurden seine Erlebnisse in dem Film Shoah dokumentiert. Das vorliegende Album bringt die historischen Hintergründe lebendig und spannend rüber.

Lelio Bonaccorso, Marco Rizzo: Jan Karski – Zeuge der Shoah
160 Seiten, gebunden, 24,- Euro, Bahoe Books, ISBN 978-3-903022-75-1
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Unschlagbar

jousselin-unschlagbar1Es gibt doch immer wieder Überraschungen. Verlagstext: „Unschlagbar“, der neue Held mit dem unbescheidenen Namen, rettet selbstverständlich die Welt vor dem Bösen. Vor seiner Hilfe ist niemand sicher, auch nicht junge Hunde oder Omas Katze. „Unschlagbar“ ist die liebenswerte Karikatur eines Superhelden! Dieser Comic sticht grafisch hervor, denn er ist nicht nur eine Hommage an den klassischen frankobelgischen Comic, sondern nutzt alle Register des Mediums. Autor Jousselin experimentiert mit der Seitenaufteilung, lässt seinen Helden über die Panels springen und bietet so ein großes, dynamisches Leseerlebnis.

Das Interessante an dieser neuen Reihe sind nicht die Geschichten an sich. In den ein- bis sechsseitigen Stories werden Verbrecher zur Strecke gebracht und Katzen von Bäumen gerettet. Nichts, was man nicht schon x-mal gelesen hätte. Spannend ist hier nicht was, sondern wie etwas passiert. Jousselin gewinnt dem Medium ganz neue Aspekte ab. Beispiel: Unschlagbar wird von jemandem mit einer Pistole bedroht. Der Angreifer steht links im Bild, Unschlagbar steht ihm rechts gegenüber. Unschlagbar hat ein heißes Bügeleisen in der Hand, das er hinter sich hält – und zwar bis in das nächste Panel hinein. Dadurch versengt der seinem Angreifer in nächsten Panel den Hintern, obwohl er ihm auch dort wieder gegenüber, und nicht hinter ihm steht. So spielt Jousselin mit Raum und Zeit, und manchmal kann Unschlagbar auch Ereignisse, die erst in kommenden Panels – also in der Zukunft – spielen, in die Gegenwart integrieren. Der Versuch, das logisch zu verstehen, ist leicht hinrzerdatternd und erinnert entfernt an die grafischen Spielereien von Marc-Antoine Mathieu.

Autor und Zeichner Pascal Jousselin, Jahrgang 1973, lebt in Rennes. Nach dem Studium der grafischen Künste arbeite er als Comiczeichner und Illustrator – unter anderem für Fluide Glacial, Mauvais Esprit und das Spirou-Magazin, in dem seine Reihe Unschlagbar seit 2013 vorveröffentlicht wird. Die zweite Albumausgabe soll bei Carlsen Ende Februar erscheinen.

Pascal Jousselin: Unschlagbar 1: Gerechtigkeit und Gemüse
48 Seiten, SC, 12,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-72347-5
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Made in Germany: Ein Massaker im Kongo

marto-MassakerImKongoDas Correctiv-Kollektiv ist ein Recherche­zentrum in Berlin, das unabhängigen und werbe­freien Journalismus liefern will. Um ihre Arbeit und ihre Rechercheergebnisse verständlicher zu machen, publizieren sie ihre Reportagen gelegentlich als Graphic Novel. Ein Beispiel ist die Recherche über die Dortmunder Neonazi-Szene (Weiße Wölfe). Im Grunde ein guter Ansatz, denn Künstler wie Delisle, Zerocalcare, Satouff und andere haben auf diese Weise informative und grafisch anspruchsvolle Alben abgeliefert.

Correctiv will das nicht wirklich gelingen. Ihre Comics sind – von Der Beeinflussungsapparat einmal abgesehen, aber den haben sie nicht selbst geschrieben – mehr ein Art illustrierte Bebilderung redaktioneller Texte. Das haut grafisch nicht vom Hocker und man hat oft das Gefühl, als Sachbuch wäre der Inhalt besser rübergekommen. Beispielsweise in dem Album Chancen im Netz, in dem sie darüber informieren, wie man Menschen via Social Media und mit Crowdfunding-Projekten politisch organisieren kann. Den Text hätte man auf 2 A4-Seiten zusammenfassen können, so dünn ist er, und die grauen Illustrationen sind todlangweilig. Dafür 15,- Euro zu verlangen, ist schon happig – vor allem, weil man zur Umsetzung der – durchaus interessanten – Vorschläge erstens jede Menge Personal braucht, das zweitens auch von irgendwem bezahlt werden muss. Der praktische Nutzen für den einzelnen Leser hält sich da in Grenzen.

Das Kongo-Album ist informativer, die Zeichnungen sind bunter, aber sie interagieren nicht mit dem Text – sie wirken mehr wie schmückendes Beiwerk ohne große Aussagekraft. Inhaltlich geht es darum, dass ehemalige Kolonialstaaten wie Deutschland nach wie vor ein Auge darauf haben, was in ihren Ex-Kolonien passiert und – wie die Kirche – die eigenen Interessen vor Ort nach wie vor zu wahren wissen. Da kann man den Organisatoren von Massenmorden auch mal rasch und unbürokratisch Asyl gewähren, wie Ignace Murwanashyaka, dem politischen Führer der FDLR, die bei den Massakern zwischen Huti und Tutsi kräftig mitgemischt hat. Murwanashyakader hat die politischen Aktivitäten seiner Organisation lange von Deutschland aus gelenkt.

Die Art und Weise, wie die Europäer Konflikte in Afrika schüren, wird gut herausgearbeitet. So gab es früher im Grunde keinen Unterschied zwischen Huti und Tutsi. Unterschiedliche Ethnien sind sie nicht – die Unterschiede wurden von den Kolonialherren herbeigeredet, um eine Teilung des Landes herbeiführen und die Menschen besser kontrollieren zu können. Nicht ganz uninformativ also, dieses Album – aber ich glaube, es wäre besser, wenn Collektiv sich von dem Medium Comic verabschieden und sich auf das konzentrieren würde, was sie wirklich können: guten Journalismus. Die gute Absicht ist zwar überall erkennbar – als Comic sind ihre Bücher aber einfach nur langweilig.

El Marto, Frederik Richter: Made in Germany – Ein Massaker im Kongo
112 Seiten, gebunden, 15,- Euro, Correctiv, ISBN 9783981740080
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