Parallel

Ein ziemlich geniales Album über ein spätes Comic-out und innere Zerrissenheit. Der Verlag schreibt: Karl Klings Geschichte ist eine Offenbarung. Eine Offenbarung gegenüber seiner Tochter Hella, die viele Jahre zuvor den Kontakt zu ihm abgebrochen hat. Karls Brief an sie ist nichts weniger als der Versuch, ihr jenen Unbekannten vorzustellen, der ihr Vater ist, ihr jedoch nie ein Vater zu sein vermocht hatte. Im Rückblick auf sein Leben erfahren Hella und die Leser*innen von Karls gescheiterten Ehen, zerrütteten familiären Beziehungen – und von seiner Liebe zu Männern. Von den letzten Kriegsjahren an bis in die 1980er-Jahre hinein folgt “Parallel” Karl Klings Bemühen, bürgerlichen Normen zu genügen, um im Verborgenen seine Sexualität leben zu können.

Wenn es um gescheiterte Ehen und zerrüttete Familienverhältnisse geht erwartet man in der Regel eine Schmonzette im Stil einer ZDF-Vorabendserie. Davon kann hier keine Rede sein. Dieses Album ist klasse von vorne bis hinten – von Text und Storyaufbau bis hin zu den starken Schwarzweiß-Zeichnungen. Es wirkt so sehr aus dem Leben gegriffen, dass man sich schwer vorstellen kann, dass der 1983 in Dresden geborene Zeichner Matthias Lehmann sich diese Story komplett ausgedacht hat.

Karl ist schwul und kann es nicht zeigen. In seiner Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Familie lässt er sich auf eine Ehe ein – das war halt damals so. Denn damals war es auch so, dass homosexuelle Männer gesetzlich verfolgt und gesellschaftlich geächtet wurden. Einmal als Schwuler geoutet (ob wahr oder gelogen), und man konnte nicht nur den Job, sondern am besten auch gleich die Stadt wechseln, weil man von seiner Umwelt als eine Art ansteckende Krankheit gesehen wurde. Was soll Karl machen? Er landet immer wieder bei Männern – schamhaft versteckt und an sich selber zweifelnd.

Es ist vor allem diese innere Zerrissenheit, die die Stärke des Albums ausmacht. Im Grunde ein universelles Thema – dabei muss es nicht um Homosexualität gehen. Es gibt viele Strukturen, in die Menschen sich pressen lassen und daran zugrunde gehen, weil sie Normen zu leben versuchen, die nichts mit ihnen zu tun haben. Wie findet man die Kraft, um zu sich stehen zu können? Gegen die Masse. Die ein oder andere Jahreszahl hätte dem Band gut getan, um sich schneller orientieren zu können, aber davon abgesehen gehört diese rundum lebensecht erzählte Graphic Novel sicherlich zu den stärksten Neuerscheinungen des Jahres.

Top 10 2021  Matthias Lehmann: Parallel
464 SW-Seiten, gebunden, 29,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-95640-256-2
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