1984 + Farm der Tiere

Drei Adaptionen von Orwell-Romanen: Zwei Alben interpretieren seine Dystopie 1984, eins seine Fabel Farm der Tiere. George Orwell war aufgrund der Erfahrungen, die er 1923 als 20jähriger Azubi der Indian Imperial Police gesammelt hatte, wo er als Engländer die Interessen der Kolonialmacht gegen die Bevölkerung zu vertreten hatte, zu einem glühenden Sozialisten geworden. Er kündigte und schrieb schrieb Bücher und Essays über das elende Leben der Menschen in Armuts- und Arbeitervierteln – auch in Europa – und kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Faschisten. Durch die Erfahrungen, die er dort mit der Kommunistischen Partei machen musste (und die Berichte über Stalins Vorgehen gegen Oppositionelle in Russland) entstand die Farm der Tiere, später dann 1984. Wobei 1984 sein letztes Buch war. Es wurde 1948 fertig. Von dem Welterfolg seines, wie er meinte, schlechtesten Romans, bekam er nicht mehr viel mit. Er starb 1950.

In 1984 beschreibt er die typischen Züge staatlicher Unterdrückung. Alle werden überall überwacht, selbst zuhause in der Wohnung. Die Sprache wird überarbeitet: Krieg wird zu Frieden, Freiheit zu Sklaverei umgedeutet. Dieses Orwellsche Neusprech ist für uns längst Normalität – wir nennen unsere Kriege inzwischen humanitäre Interventionen, die Gemetzel an Unbeteiligten Kollateralschäden, Atommülllager Entsorgungsparks und unliebsame Oppositionelle Radikale. Und auch in der Überwachung haben wir Fortschritte gemacht: Heute trägt fast jeder freiwillig ein Instrument mit sich rum, das jeden seiner Schritte, jeden Einkauf, jeden Kontakt und jede Lebensäußerung exakt protokolliert – und alle zahlen auch noch freiwillig für ihr geliebtes Smartphone.

Fast zeitgleich sind jetzt zwei Adaptionen von 1984 erschienen. Eine davon bei Splitter, eine bei Knesebeck. Interessant ist, dass die Splitter-Ausgabe von Sybille Titeux und Amazing Améziane gestaltet wurde. Die beiden kennt man von ihrer starken Muhammad Ali-Biografie, die damals allerdings bei Knesebeck erschienen ist, während die 1984-Ausgabe von Knesebeck von Jean-Christophe Derrien und Rémi Torregrossa geschrieben wurde. Welche ist besser? Mir gefallen beide.

Natürlich gibt es Unterschiede. Die Splitter-Ausgabe ist 100 Seiten länger. Sybille Titeux hangelt sich stärker am Originaltext entlang, bringt mehr Details auf die Seiten, ist im Storyaufbau allerdings gelegentlich etwas sprunghaft. Zeichner Amazing Améziane tobt sich dafür im Layout wieder so kreativ aus, wie man das bereits aus seiner Muhammad Ali-Bio gewohnt ist. Zudem ist die Splitter-Ausgabe vierfarbig, während das Knesebeck-Album größtenteils Schwarzweiß gezeichnet ist.

Doch trotz 100 Seiten weniger bringen auch Jean-Christophe Derrien und Rémi Torregrossa die Geschichte komplett und verständlich rüber, ohne wesentliche Aspekte zu vernachlässigen. Die größtenteils schwarze und graue Kolorierung kommuniziert die Trostlosigkeit der Situation sehr gut – sie wird nur da bunt, wo die Liebesgeschichte zwischen Winston und Julia den düsteren Alltag durchbricht. Wer also einfach nur eine spannende, aber grafisch durchaus ansprechende Adaption des Romans lesen möchte, wird mit der Knesebeck-Ausgabe gut bedient. (Dort ist auch eine von Pierre Christin geschriebene Orwell-Comic-Biografie erschienen.) Wer es gerne etwas ausführlicher, bunter und in der Umsetzung kreativer hätte, nimmt das Splitter-Album. Wer sich hauptsächlich für gute Zeichnungen und unterschiedliche Zeichenstile interessiert wird an beiden seine Freude haben.

Amazing Ameziane, George Orwell, Sybille Titeux de la Croix: 1984
232 Seiten, gebunden, 29,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-96219-102-3
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Rémi Torregrossa, Jean-Christophe Derrien: 1984
128 Seiten, gebunden, 22,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-468-6
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Passend dazu erschien in diesen Tagen auch Orwells 1945 publizierte Fabel Farm der Tiere bei Panini. Auch dieses Buch wurde weltbekannt. Und es ist keine Frage, was Orwell zu seiner bitterbösen Satire animiert hat: Die Führer der russischen Revolution stritten um den richtigen Weg und bekämpften sich gegenseitig. So entwickelte sich aus einer großen Hoffnung nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die der Partei. Oppositionelle verschwanden in den Knästen, viele wurden ermordet, und die Ideale von Gleichheit und Freiheit gingen zunehmend den Bach runter.

Bei Orwell entreißen die Tiere den Menschen zunächst die Macht über die Farm, um unter der Losung Alle Tiere sind gleich eine egalitäre Gesellschaft aufzubauen. Doch nach und nach werden manche Tiere gleicher als andere, und so schleichen sich die bekannten Formen der Unterdrückung auch hier wieder ein. Der brasilianische Zeichner Odyr hat diese Satire in ein Album gepackt, das weniger an einen Comic, als an ein Bilderbuch erinnert. Das mag daran liegen, dass er auch Maler ist. Über oder unter seine Bilder setzt er jeweils zwei, drei Sätze Text, mit denen er die Story entwickelt. Interaktion oder Dialoge gibt es wenig. Die Message kommt rüber, aber die Geschichte ist ziemlich verkürzt. Eher ein Band für jüngere Leser.

Odyr, George Orwell: Farm der Tiere
176 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Panini, ISBN 9783741623141
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