Die Wilden + Shingal – Flucht vor dem Genozid

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Ein Indianer aus dem Dschungel Südamerikas in Prag? Heute nichts besonderes – 1908 schon.  Verlagstext: Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt dieses Album über die Freundschaft zwischen dem Prager Botaniker und Ethnographen Alberto Vojtěch Frič und Cherwuisch, einem Indigenen der Chamacoco, die in Brasilien und Paraguy leben. Sie lernten sich 1908 kennen, als Frič in einer wissenschaftlichen Mission in Lateinamerika unterwegs war. Die Chamacocos litten damals an einer unbekannten Krankheit, für die es keine Heilung gab. Frič beschloss seinen Freund nach Europa zu holen.

Die 1964 geborene Prager Künstlerin Lucie Lomová schildert hier den Kulturschock zweier Gesellschaften. Dem Botaniker Frič schlägt viel Ablehnung entgegen, als er mit einem waschechten Indianer aus Südamerika zurückkehrt. Der schockiert und amüsiert – je nach Sichtweise – mit ungewohntem Benehmen. Frič wird aufgrund seiner liberalen Einstellungen als Indianerfreund von den Honoratioren der Gesellschaft gemieden. Dazu kommt der Neid anderer Forscher, die eifersüchtig auf seine wissenschaftlichen Erfolge sind.

Auf der anderen Seite passiert ähnliches: Als Frič und Cherwuisch in den Dschungel zurückkehren, hat Cherwuisch es schwer, seine Stammesmitglieder von seinem Leben in der Zivilisation zu überzeugen. Was er ihnen erzählt klingt so unglaublich, dass es wahrscheinlicher scheint, dass Cherwuisch auf seiner Reise den Verstand verloren hat. Ein Album in solidem Ligne Claire-Stil, das sich flott runterliest. Mit einem historischen Dossier von Yvonna Fričová.

Lucie Lomová: Die Wilden
144 Seiten, gebunden, 22,- Euro, bahoe books, ISBN 978-3-903290-40-2

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Im Norden des Irak, an der Grenze zu Syrien und der Türkei, liegt der Berg, auf dem angeblich Noah mit seiner Arche nach der Sintflut gestrandet ist. Dort leben die Jesiden – Anhänger einer archaischen Religion, die ein streng patriarchales Leben fordert. Verlagstext: In dieser Graphic Novel verfolgen wir den Kampf der beiden Brüder Mazlum und Asmail um die Rettung ihrer Familie, während sie mit tausenden anderen Jesiden auf den Berg Shingal fliehen, um dem IS zu entkommen. Die Soldaten, die sie beschützen sollten, haben das Gebiet bereits verlassen, ihre Nachbarn haben sich gegen sie gewandt. Der Berg mit seinen steilen Hängen ist vielleicht ihre einzige Rettung. Schließlich harren mehr als 50.000 Menschen in der Sommerhitze aus, ohne Wasser oder auch nur Schatten. Shingal ist eine Geschichte von Verrat und religiösem Fanatismus, aber auch von Mut, Selbstaufopferung und Mitgefühl. Das Buch basiert auf gründlichen Recherchen und vielen Interviews und erzählt die Geschichte des Völkermords an den irakischen Jesiden im August 2014.

Die Verfolgung und Ermordung der Jesiden durch den IS erfolgte aus religiösen Gründen. Irgendwann in der Geschichte beider Religionen (die der Jesiden und die des IS) ist bei der Umwandlung eines Gottes etwas schief gegangen, weshalb die Jesiden von den Islamisten als Teufelsanbeter bezeichnet und bekämpft werden. Religiösen Fanatismus betreiben allerdings auch die Jesiden. Sie leben in strikter Endogamie, was bedeutet, dass jemand, der außerhalb der Sippe heiratet, ausgestoßen wird. Und: Frauen müssen rein sein. Bei dem Überfall auf die Jesiden hat der IS zahlreiche Frauen entführt und mit eigenen Leuten zwangsverheiratet. Viele der Frauen, die später wieder befreit wurden, trauen sich nicht mehr zurück, weil sie dadurch unrein geworden sind. Teilweise rieten ihnen die eigenen Leuten, sich besser umzubringen. So wie die 18jährige Arzu Özmen, die im November 2011 in Detmold von ihren fünf Brüdern entführt und umgebracht wurde, weil sie ein uneheliches Verhältnis hatte (in Deutschland leben mit 200.000 Mitgliedern die meisten der Exil-Jesiden). Die Eltern kamen nicht zur Beerdigung.

Nun gibt es viele Autoren, die wichtige Ereignisse via Graphic Novel transportieren möchten. Viele dieser Alben kämen als Sachbuch besser. Dieses wahrscheinlich auch. Die Zeichnungen sind solide, reißen aber nicht vom Hocker, und die Story wirkt sehr bemüht. Der Band kann allerdings Anreiz sein, sich genauer mit dem Thema zu beschäftigen – vielleicht im Schulunterricht. Am informativsten ist das Nachwort von Thomas Schmidinger. Es gibt einen guten Überblick über die geschichtlichen Hintergründe.

Mikkel Sommer, Tore Rørbæk, Shingal – Flucht vor dem Genozid
102 Seiten, gebunden, 18,- Euro, bahoe books, ISBN 978-3-903290-39-6

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