Vatermilch

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Muss das schön sein, einen Preis für ein Album zu bekommen, das noch nicht mal veröffentlicht wurde. Bereits 2016 wurde Vatermilch mit dem Comicpreis der Berthold Leibinger Stiftung ausgezeichnet. Veröffentlicht ist es inzwischen, aber lediglich der erste von vier angekündigten Bänden. Worum geht es? München 1975: Disko, freie Liebe, Kokain- und Champagnerexzesse, das ist die Welt von Rufus Himmelstoss. Der egozentrische Frauenheld lebt konsequent über seine Verhältnisse. Als er im Suff einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem eine junge Mutter und ihre beiden Kinder sterben, geht er im Obdachlosenmilieu auf Tauchstation. Zwischen Wodka und Wohnheim fasst Rufus Himmelstoss einen weitreichenden Entschluss. Für sich. Und für seinen Sohn… So weit der Verlagstext.

Hintergrund der Geschichte ist die Biografie von Oesterle selber. Sein Vater hat ihn und seine Mutter verlassen, als Oesterle sieben Jahre alt war. In der Folge hörte er wenig bis nichts mehr von seinem Erzeuger, bis ihn vor zehn Jahren ein Brief erreichte, in dem ihm der Tod des Vaters mitgeteilt wurde. Das wiederum machte ihn neugierig, die Geschichte seines Vaters zu erforschen. Aus allerlei Gerüchten verdichteten sich Hinweise, die zeigten, dass der Vater sich völlig verändert hatte. Vatermilch ist eine Erzählung über schwierige Vater-Sohn-Beziehungen und Wiedergutmachung. Sie dokumentiert die fiktive Biografie von Peter Oesterle und mir selbst… Die großen Lücken in seinem Lebenslauf verfugte ich mit Erdichtetem. Jedes einzelne Wort davon ist wahr, schreibt Oesterle im Nachwort.

Nun verlieren sich Leute, die verkorkste Vaterbeziehungen im Nachhinein aufzuarbeiten versuchen, meist in moralischem Geschwurbel, das schlechterdings unlesbar ist. Aber wer behauptet, jedes Wort einer fiktiven Geschichte sei wahr und außerdem für so schräge Stories wie für die in dem abgedrehten Sammelband Kopfsachen verantwortlich ist, trifft auch hier den richtigen Ton. Kein Kitsch, keine Sentimentalitäten, sondern einfach eine Story, die von der ersten bis zur letzten Seite spannend erzählt wird. Die Zeichnungen sind Oesterle at its best. Was er mit Schwarzweiß und ein bisschen Schmuckfarbe hier und da auf die Seiten zaubert ist Graphic Novel auf internationalem Niveau. Da gibt´s nichts zu meckern. Außer, dass man nach der Fortsetzung giert und hofft, dass es bis zum zweiten Band nicht wieder vier Jahre dauern wird. Der Preis der Berthold Leibinger Stiftung wird jedenfalls nicht der einzige sein, den er für diese Reihe bekommen wird.

Uli Oesterle: Vatermilch – Band 1: Die Irrfahren des Rufus Himmelstoss
128 Seiten, gebunden, 20,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-71158-8
> Leseprobe

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