Wannsee

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Verlagstext: Wannsee, eine Villensiedlung in Berlin, war der Ort, an dem sich am 20. Januar 1942 die ranghohen Beamten und SS Offiziere des 3. Reichs, wie Reinhard Heydrich, Adolf Eichmann, Josef Bühler und Roland Freisler versammelten. Hier wurden die Grundzüge der Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas in die besetzten Ostgebieten organisiert und die erforderliche Koordination der Aktionen sichergestellt. Innerhalb von wenigen Stunden wurden in dieser luxuriösen Villa die Weichen für die Shoah gestellt, der 6 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Dr. Hans-Christian Jasch, Direktor des Hauses der Wannsee-Konferenz, bezeichnet dieses Album im Nachwort des Bandes als meisterhaft gezeichnete Graphic Novel zur Wannsee-Konferenz. Was die Zeichnungen angeht, stimme ich ihm zu. Die aquarellierten Bilder, die alle hinter einem dunklen Schleier zu liegen scheinen, tauchen die Atmosphäre in ein unwirkliches, düsteres, fast gespenstisches Licht. Die Erzählstruktur geht allerdings in einem anonymen Personenwirrwarr unter. Wer außer von Heydrich, Eichmann, Freisler und zwei, drei anderen Gestalten noch nie etwas von Lange, Schöngrath, Klopfer und Co gehört hat, noch deren Funktionen im faschistischen Deutschland einzuordnen weiß, für den liest sich dieses Album wie eine Aneinanderreihung von Namen, Zahlen und Orten, die als Sachbuch besser gekommen wäre. Als Graphic Novel funktioniert das Album nicht – trotz der Biografien am Ende des Bandes.

Sehr klar wird allerdings die Systematik, mit der die Vernichtung der europäischen Juden geplant wurde. Und die widerliche, typisch deutsche Detailversessenheit, mit der noch bis in die letzte Kommastelle hinein definiert wurde, was mit Halbjuden, Mischlingen, Mischehen, deren Kindern usw. zu passieren hat, wer von ihnen als Jude gilt und wer nicht, und wer von denen, die das Glück haben, nicht ins KZ zu müssen, zum Zweck der Reinhaltung des Blutes sterilisiert oder sonstwie misshandelt werden muss.

Die Biografien der Protagonisten am Ende des Album wiederum zeigen, dass die Justiz im Nachkriegsdeutschland es nicht eilig hatte mit der Verfolgung der Planer dieses industriellen organisierten Massenmordes. Und wenn man sie fand, ließ man gerne verständnisvoll Gnade vor Recht ergehen. Otto Hofmann, der Leiter des Rasse- und Siedlungshauptamtes der SS, wurde zwar wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 25 Jahren Haft verurteilt, aber bereits sieben Jahre später begnadigt. Das Verfahren gegen Dr. Gerhrad Klopfer, Stellvertreter Bormanns, wurde 1962 eingestellt. Erich Neumann, Staatssekretär bei Göring, machte nach dem Krieg sogar Karriere als Berater von Bundeskanzler Adenauer und erhielt 1966 das Bundesverdienstkreuz. An Informationen mangelt es diesem Album also nicht. Als Graphic Novel ist es aber sehr sperrig zu lesen.

Fabrice Le Hénanff: Wannsee
88 Seiten, gebunden, 24,- Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-95728-304-7
> Leseprobe

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