Monster

bilal-monster Bilal war schon immer einer der interessantesten Comiczeichner. In seinen frühen Arbeiten mit Pierre Christin noch etwas grobschlächtig, aber inhaltlich stark, wurden seine Zeichnungen im Laufe der Zeit glatter, seine Geschichten, die er dann selbst schrieb, dafür umso verästelter und assoziativer (um nicht zu sagen: wirrer). Dazwischen gab es Übergänge, in denen man der Story noch halbwegs folgen, und die surrealen Elemente einfach unter dem Oberbegriff Phantastik abbuchen konnte.

Die vorliegende Gesamtausgabe Monster vereint die vier zwischen 1998 und 2007 bei Ehapa erschienenen Bände Der Schlaf des Monsters, 32. Dezember, Rendezvous in Paris und Vier?. Worum geht es? Gute Frage. Vordergründig erzählt Bilal, der 1951 in Belgrad geboren wurde, von drei Waisen, die zur Zeit des Jugoslawienkriegs in einem zerschossenen Hospital im gleichen Bett liegen: Nike, Leyla und Amir, alle gerade mal ein paar Tage alt. Rund 30 Jahre später versucht Nike, die anderen wiederzufinden. Allerdings geht es in der Welt da gerade drunter und drüber.

Der Obskurantisten-Orden beispielsweise möchte die Kunst und Wissenschaft zerstören. Ein durchgeknallter Künstler mit dem sinnigen Namen Warhole kreiert mit einer gigantischen schwarzen Wolke den komprimierten Todesseufzer und entdeckt den Suizid als Kunstwerk. Allerdings stirbt er nicht wirklich, denn von ihm sind zahlreiche Duplikate in Umlauf, und auch bei Nike, Leyla und Amir weiß der Leser nie, ob da gerade das Original oder eine Kopie agiert. Chemisch verseuchte Fliegen und technische Implantate dienen zur Steuerung von Menschen (oder deren Duplikaten), man kann sich im Prinzip an mehreren unterschiedlichen Orten gleichzeitig aufhalten, und irgendwo fasst Nike die Atmosphäre des Albums in dem treffenden Satz zusammen: Der Geisteszustand dieser Versammlung beunruhigt mich.

Logisch ist das alles nicht, die Story erscheint willkürlich zusammengewürfelt, aber sie ist, wie immer bei Bilal, erstklassig gezeichnet. Seine Mischung aus verrotteter Zivilisation und technokratischer Zukunft, die er sehr cool und stylisch auf die Seiten bringt, ist einzigartig. Wem die Story zu schräg ist, kann den Band auch der Bilder wegen lesen.

Das Papier dieses Albums ist etwas matter als in der Ehapa-Ausgabe, wodurch die Farben ruhiger wirken und nicht so stark in die Augen knallen. Und um die obligatorische Frage zu beantworten, ob sich die GA lohnt, wenn man die vier Bände schon einzeln im Regel stehen hat: Die Druckqualität ist einfach besser. Ob euch dieser Unterschied 45,- Euro wert ist, müsst ihr selbst entscheiden.

Top 10 2019Enki Bilal: Monster (Gesamtausgabe)
272 Seiten, gebunden, 45,- Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73365-8
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