Die Reise des Marcel Grob

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Verlagstext: Marcel Grob, ein alter Mann von 83 Jahren, steht am 11. Oktober 2009 vor einem Untersuchungsrichter, um sich für sein Leben zu verantworten. Vor allem für den 28. Juni 1944, den Tag, an dem er mit 17 Jahren der Waffen-SS beitrat, wie 10.000 andere Elsässer auch. Aber tat er dies freiwillig, oder blieb ihm schlicht keine Wahl? Für die Beantwortung dieser Frage muss Marcel Grob eine Reise zurück in die Vergangenheit antreten, tief in die schmerzhaften Erinnerungen an seine Zeit als Soldat im Italienfeldzug, die ihn auch nach Marzabotto führte, zu einem der grauenhaftesten Massaker des Zweiten Weltkriegs…

Das Ergebnis des Massakers: 770 Tote, darunter mehr als 100 Kinder unter 10 Jahren und 300 erschossene Frauen. Und da steht er nun, der alte Mann, mehr als 60 Jahre später, vor einem französischen Untersuchungsrichter, der die Verbrechen von damals aufklären soll. Ein Untersuchungsrichter, dessen Vater das Massaker in Marzabotto durch Zufall überlebt hat – als Kind von zwei Jahren.

Grob versucht, alles abzustreiten. Nein, sagt er, er sei nie bei der SS gewesen. Dummerweise gibt es da dieses Soldbuch, in dem die Deutschen penibel genau aufgelistet haben, wo Grob stationiert war. Als alles Abstreiten nichts mehr nutzt, fängt Grob an zu erzählen…

Das Album hat sich in Frankreich mehr als 100.000 mal verkauft und stand wochenlang auf der Bestsellerliste, denn es behandelt ein umstrittenes Thema. Die Malgré Nous (= Gegen unseren Willen), wie sich die zwangsverpflichteten Elsässer nannten, hatten auch nach dem Krieg einen schweren Stand. Sie wurden in Frankreich als Kollaborateure verachtet. Vielleicht hilft dieses Album dabei, die Situation von damals genauer zu erklären und sie zu rehabilitieren, denn: Die Zwangsverpflichteten taten es nicht freiwillig. Sie waren nicht mal erwachsen. Sie hatten dem Naziwahn nichts entgegenzusetzen. Jede Weigerung hätte ihren sofortigen Tod bedeutet. Und die Nazis hätten den Angehörigen das Leben zur Hölle gemacht. Waren die Malgré Nous also keine Kriegsverbrecher, sondern selber Opfer?

Andererseits: Rechtfertigt der angedrohte Tod Handlungen, die dazu führen, dass man wehrlose Menschen massakriert? Dass man wildfremden Menschen genau das antut, was man für sich selbst vermeiden möchte? Kann man solche Gemetzel damit entschuldigen, dass man erst 17 und nicht fähig war, die Waffe um 180 Grad zu drehen, statt in eine wehrlose Menge zu ballern, die man auf einem Friedhof zusammengetrieben hat? Das Album des Historikers Philippe Colin, der darin die Geschichte seines Onkels erzählt, lässt die Antwort offen.

Sébastien Goethals, Philippe Collin: Die Reise des Marcel Grob
192 Seiten, gebunden, 29,90 Euro, Splitter, ISBN: 978-3-96219-320-1
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