Zwille + Schilder Guerilla

seyfried-zwilleWas haben Gerhard Seyfried und Ralf König gemeinsam? Beide sind hervorragende Chronisten ihrer Szene. Seyfried hat die Alternativ-Freaks und Anarchos der 70er und 80er Jahre treffend karikiert, König hat die Schwulenszene in zahlreichen Alben verewigt. Wobei die zwei immer dann am besten waren, wenn sie reale Ereignisse satirisch verarbeiten konnten. So gesehen sind sie eher Cartoonisten, als Zeichner, was sich auch in der Darstellung ihrer Figuren widerspiegelt.

Daraus ergibt sich eine weitere Gemeinsamkeit: Beide können klasse zeichnen, aber beide sind lausige Erzähler, wenn sie sich die Story selbst ausdenken müssen. Sobald die Realität nichts mehr hergibt und sie eine Geschichte für ein neues Album erfinden müssen, lassen Spannung und Tiefgang erheblich nach – beispielsweise in Königs Santa Claus.

Jetzt hat Seyfried, der in diesen Tagen seinen 70. Geburtstag feiert, nach vielen Jahren, in denen er nur Bücher geschrieben hat, wieder einen Comic gezeichnet, und dazu Zwille reanimiert – seine kultige Anarchofigur aus dem Album Invasion aus dem Alltag. Zwille wird in dem neuen Album von einer Agentur umworben, die den Markt der Graphic Novels beherrschen will, weshalb sie dem Comic-Verlag Fumetti Seyfretti die Hauptfigur Zwille abspenstig machen möchte. Der ist arbeitslos und lebt im letzten besetzten Haus des längst gentrifizierten Stadtteils Berlin-Kreuzberg. Da die Sozialhilfe für Comicfiguren ersatzlos gestrichen wurde, muss er sich mit seinem Kumpel McÖko was einfallen lassen – da kommen die fetten Scheine, die ihm der Vertreter der Graphic Novel-Agentur in die Hand blättert, gerade richtig. Das erinnert ein bisschen an Seyfrieds Album Das schwarze Imperium – da ging es um die Vorherrschaft über den Tuschevorrat der Welt. Die Geschichte war nett, aber wenig spannend und wirkte ziemlich konstruiert. Auch Zwille bringt wenig Spannung auf die Seiten, und sonderlich originell ist es auch nicht.

Der Unterschied zwischen König und Seyfried besteht darin, dass König seine Figuren altern lässt (Konrad und Paul), Seyfried dagegen nicht. Während also Konrad und Paul immer im Kontext ihrer jeweiligen Zeit unterwegs sind, wirken Zwille und McÖko im 21. Jahrhundert ziemlich antagonistisch. Da waren die Alben, die Seyfried mit Ziska gemacht hat, näher dran. Aber schön ist ein Wiedersehen mit Zwille natürlich trotzdem.

Gerhard Seyfried: Zwille
64 Seiten, gebunden, 16,- Euro, Westendverlag, ISBN 9783946778066

seyfried-schilder-guerillaAus dem Verlagstext: Ein Bild lügt mehr als 1.000 Worte. Mit seinem detailverliebten Blick auf Welt und Dinge präsentiert sich Seyfried jetzt als Fotosatiriker von einer völlig neuen Seite. Die Motive seiner Schilderguerilla sammelt er spontan auf seinen Spaziergängen durch Berlin oder das Internet und transformiert sie mittels Bildbearbeitung und seinem typischen Wortwitz zu treffsicheren Kommentaren: hintergründig, bissig, nachdenklich oder einfach nur saukomisch.

In diesem, bereits 2016 erschienenen Sammelband gibt es einige unterhaltsame Motive – beispielsweise über den „Ketchup-Krieg zwischen Belgien und Holland“, „Alte Naive für Deutschland“, oder die Eröffnung des neuen Berliner Flughafens im Jahr 2023. Dazu kommen die von Seyfried bekannten Wortspiele – aus „Bestattungsgelegenheiten“ werden „Begattungsgelegenheiten“, aus der „Bundesautobahn“ wird der „Bundesautowahn“, und den Hinweis „Burgbesichtigung nur mit Führer“ übersetzt Seyfried in „Entrance only with Herr Hitler“. Schräge Buttons gibt es auch – „Nazis gegen Rechts“ – und eine Briefkastenaufschrift wandelt sich in „E-Mail-Ersatzverkehr“. Insgesamt viele lustige Ideen und einiges an Leerlauf – ein typischer Sammelband.

Gerhard Seyfried: Schilder Guerilla
192 Seiten, Querformat, 14,- Euro, Westendverlag, ISBN 9783864891533

Ein Gedanke zu “Zwille + Schilder Guerilla

  1. Vielleicht sollten beide zusammen mit Neil Gaiman ein Album machen? Er kann großartig erzählen. Egal Zwille muss auch noch her. Danke für die Info.

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