Die Schachnovelle

humeau-schachnovelleSensorische Deprivation, also der Entzug von sinnlichen Reizen, ist eine Form von Folter, die das Gehirn dazu bringt, sein Innerstes nach außen zu projizieren, denn wenn es keine neuen Eindrücke mehr bekommt, kann es sich nur noch mit sich selbst beschäftigen. Sensorische Deprivation wird auch als Isolationsfolter bezeichnet und nicht nur in finsteren Diktaturen eingesetzt. Die USA nutzten es u.a. im Koreakrieg, um Geständnisse zu erpressen, und in den 1970er und 80er Jahren wurden die politischen Gefangenen in der BRD gegen die Proteste von Amnesty International und anderen Menschenrechtsorganisationen immer wieder dieser Form von Gehirnwäsche unterzogen.

Wie das funktioniert, hat Stefan Zweig 1941 in seiner Schachnovelle beschrieben. Herr B. wird darin von der Gestapo in einem fensterlosen Raum sich selbst überlassen. Bereits nach wenigen Tagen stellen sich erste Symptome ein: Die Langeweile und die Einsamkeit marterten mich. Ich glitt immer tiefer und unerbittlicher hinein in einen schwarzen Abgrund. Sekunde für Sekunde. Stunde für Stunde. Um nicht völlig durchzudrehen, beginnt er schließlich, im Geiste fiktive Schachpartien zu spielen. Als er nach seiner Gefangenschaft während einer Schiffsreise auf den Schachweltmeister trifft, brechen die Erinnerungen, und damit die alten Wunden, wieder auf.

Thomas Humeau hat diese Novelle als Comic adaptiert, und das Ergebnis ist großartig. Zunächst hat er den Ingenieur McConnor, der bei Zweig den Weltmeister unbeabsichtigt mit B. zusammenbringt, gegen Emma, die 24jährige Tochter des Kapitäns, ausgetauscht. Das bringt ein bisschen mehr Esprit in die Geschichte. Die wiederum erzählt er mit Bildern, die einfach nur klasse sind. Ob feudaler Ball auf dem Kreuzfahrtschiff oder monotone Zelle im Nazigefängnis – Humeau schafft es immer, die richtige Atmosphäre auf die Seiten zu zaubern, wozu nicht zuletzt die abwechslungsreiche Kolorierung beiträgt. Eine wunderschöne Literaturadaption, die auch dann funktioniert, wenn man Zweigs Original nicht gelesen hat, denn auch die Erzählstruktur ist hier vom Feinsten. Nur mit den Lippenbewegungen beim Sprechen haben es seine Figuren nicht so.

Thomas Humeau, Stefan Zweig: Die Schachnovelle
128 Seiten, gebunden, 22,00 Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-965-7
> Leseprobe

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