Insel der Frauen

morice-insel-der-frauenIm Grunde ist es eine interessante Ausgangslage: Zu Beginn des Ersten Weltkriegs werden auf einer abgelegenen bretonischen Insel alle Männer zwischen 20 und 50 Jahren von der Armee eingezogen. Zurück bleiben nur Frauen, Kinder und alte Männer. Und Maël – ein gut aussehender junger Mann, der nicht eingezogen wird, weil er einen Klumpfuß hat und deshalb kriegsuntauglich ist. Und da auf der Insel jetzt ein Postbote fehlt, wird Maël kurzerhand zum Briefträger befördert. Er düst mit seinem Fahrrad von Haus zu Haus. Durch die Einsamkeit auf den abgelegenen Höfen entsteht bei den Frauen Gesprächsbedarf, und so macht Maël hier und da eine Pause, um ein bisschen zu plaudern. Auch das im Laufe der Monate – der Krieg zieht sich und will nicht enden – entstehende Bedürfnis nach Zärtlichkeit kann er stillen, und irgendwann kommt die Erotik dazu. So weit, so oberflächlich, aber durchaus unterhaltsam.

Doch dann wollte Quella-Guyot (Tatort Tahiti) unbedingt auch die Grausamkeit des Krieges thematisieren, und lässt Maël deshalb bei seinen Damenbesuchen die Briefe vorlesen, die die Männer ihren Frauen von der Front schreiben. Einsamkeit kann schrecklich sein, und das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Nähe will auch befriedigt werden, aber dass eine Frau freudig mit jemandem in die Kiste springt, wenn sie gerade Kriegsprosa mit allen möglichen Gemetzeln vorgelesen bekommen hat und um die Todesgefahr weiß, in der sich ihr Mann an der Front befindet, darf bezweifelt werden. So macht sich Quella-Guyot die Geschichte selbst kaputt, indem er versucht, ihr eine Tiefe zu geben, die einfach nicht passt.

Dazu kommt eine Sprache, die mit ihren in sich verdrehten und verschlungenen Satzwendungen wohl an den geschmeidigen Stil der großen französischen Romanciers wie Flaubert oder Stendhal erinnern soll, hier aber nur krampfhaft gestelzt wirkt, und in der deutschen Übersetzung endgültig Selbstmord begeht: Neben seiner Würde und seiner Männlichkeit entdeckt er auch die Fleischeslust, den Geschmack von Haut und zärtlichen Bissen, die Anstrengungen, leichte und heftige Berührungen, was die männlichen Geschöpfe antreibt, warum sie sich gegenseitig bekämpfen.

Da ist also einiges daneben gegangen, und es ist lediglich der überraschende Schluss, der diese Geschichte noch halbwegs rausreißt. Allerdings ist es bis dahin ein langer – und grammatikalisch oft schmerzhafter – Weg. Schade – die sehenswerten Zeichnungen hätten eine bessere Story verdient gehabt.

Sébastien Morice, Didier Quella-Guyot: Insel der Frauen
128 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-332-5
> Leseprobe

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2 Gedanken zu “Insel der Frauen

  1. An dieser Stelle ein Danke für diese Reszension. Herrlich ehrlich. Krampfhaft gestelzt, schwülstig und unpassend, dazu schöne Bilder – ich denke, ich werde dies‘ Büchlein für eine Bahnfahrt anschaffen.

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