Carlo Vive

carli-carlo-viveGenua, 2001: Während der Demonstrationen gegen den G 8-Gipfel wird der Demonstrant Carlo Giuliani auf der Piazza Alimonda von einem Polizisten erschossen. Als kurz darauf ein Foto auftaucht, das den Getöteten mit einem hoch über den Kopf gehoben Feuerlöscher vor dem Dienstwagen des Schützen zeigt, ist die Sache für die Medien klar – und für die Politik sowieso: Chaot bedroht Polizist mit Feuerlöscher, Polizist schießt in Notwehr, Vorhang.

Doch was ist in Genua wirklich passiert? Der Autor Francesco Barilli hat die Ereignisse anhand von Gesprächen mit Beteiligten, mit Carlos Freunden, den Eltern, sowie anhand zahlreicher Foto- und Filmdokumente rekonstruiert. Das Ergebnis seiner Recherche präsentiert er in diesem Album – und das macht deutlich, dass die Geschichte in vielen Teilen anders gelaufen sein muss, als in der offiziellen Version behauptet wird.

Selbst wenn der Getötete die Absicht gehabt hätte, den Feuerlöscher auf das Auto zu werfen, hätte er viel Kraft haben müssen, um das schwere Teil die drei Meter weit zu werfen, die er von dem Wagen entfernt stand – und dadurch die Menschen, die geschützt in dem Auto saßen, ernsthaft zu gefährden. Der Polizist wiederum behauptete, nicht auf Carlo gezielt, sondern einfach nur zur Warnung in die Luft geschossen zu haben. Das passte schlecht zum Einschusswinkel, weshalb ein Stein ins Spiel gebracht wurde, der just in dem Moment auf das Auto geworfen worden sein soll, als die Schüsse abgegeben worden sind. Daran soll die Kugel abgeprallt sein und Carlo tödlich getroffen haben. Damit das funktioniert, musste wiederum der Abstand zwischen Carlo und dem Polizeiauto halbiert werden. So reiht sich eine Absurdität an die nächste, und die Aufarbeitung dieser und anderer Ereignisse während der Protesttage bezeichnete Amnesty International später als die massivste Missachtung demokratischer Rechte in einem europäischen Land seit dem 2. Weltkrieg.

Das Album ist nicht nur für diejenigen interessant, die damals an den Protesten teilgenommen haben. Es macht das Schema deutlich, mit dem polizeiliche Todesschüsse auch in westlichen Ländern verschleiert und die Schützen reingewaschen werden. Die klaren Schwarzweißzeichnungen von Manuel de Carli adaptieren die Geschichte sachlich und ohne überflüssige Effekthascherei.

Manuel de Carli, Francesco Barilli: Carlo Vive – G8, Genua 2001
144 Seiten, schwarzweiß, 16,- Euro, Bahoe Books, ISBN 978-3-903022-38-6

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