Zorngebete

avril-zorngebeteDie sechzehnjährige Jbara lebt in einem öden Dorf im Maghreb. Sie lutscht an ihrem Lieblingsjoghurt, während der tumbe Hirte, der gelegentlich dort vorbeikommt, sie von hinten vergewaltigt. Sie redet sich ein, es sei ihr egal – immerhin bekomme sie dafür den Joghurt umsonst. Und das sei doch mehr, als man in diesem Ort am Ende der Welt erwarten könne.

Wenn sie nicht gerade Schafe hütet, muss sich Jbara mit ihren Eltern rumschlagen. Auch keine Freude. Zur Eintönigkeit des Dorflebens kommen die Regeln der Religion mit ihren sinnlosen und unbarmherzigen Vorschriften. Jbara diskutiert das oft mit Allah, aber Allah antwortet nicht. Bis ihr eines Tages ein Koffer vor die Füße fällt – direkt vom Dach eines Reisebusses, der an der Landstraße vorbeibrettert. Darin befinden sich schicke Klamotten, etwas Geld und allerlei westliche Accessoires. Also hatte Allah doch ein Einsehen. Weshalb es für Jbara nicht mehr ganz so hart ist, als ihre Eltern sie verstoßen. Sie ist von dem Hirten schwanger. Um Schande von der Familie abzuwenden, muss sie das Dorf verlassen. Sie nimmt den nächsten Bus und wandelt sich in der Stadt von Jabra zu Scheherazade.

Aber nein, das wird keine Hollywoodstory im Stil von Pretty Woman. Sondern die Geschichte eines Mädchens, für das es in ihrer islamischen Gesellschaft immer nur einen Platz gibt: den unter dem Mann. Ob in der Küche oder im Bett. Eddy Simon hat hier Saphia Azzeddines gleichnamigen Roman als Comic adaptiert, und Marie Avril hat das Szenario in weiche, gefühlvolle Bildern gepackt. Ein schönes Album, aber eine traurige und deprimierende Geschichte, weil auch das, was Jbara als Ausweg und eigene Entscheidung sieht, am Ende nur eine Modifikation der Rolle ist, die die Männerwelt ihr zugedacht hat.

Marie Avril, Eddy Simon: Zorngebete
88 Seiten, 18,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-298-4
> Leseprobe

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