Drei Steine

oskamp-drei-steineDass deutsche Behörden auf dem rechten Auge blind sind, weiß man nicht erst, seit der NSU mordend durchs Land ziehen konnte – womöglich sogar unter den Augen des Verfassungsschutzes, dem immer dann Akten in den Schredder fallen, wenn sie von Untersuchungsausschüssen angefragt werden. Bereits beim Oktoberfestattentat im September 1980 mit 13 Toten hatte die Justiz nichts eiligeres zu tun, als an einer Einzeltäterstory zu basteln, um das braune Umfeld des Attentäters nicht unter die Lupe nehmen zu müssen. Die gegenwärtigen Anschläge auf Asylbewerberheime werden ebenfalls nur halbherzig aufgeklärt. Seit dem Fall der Mauer vor 25 Jahren hat die Amadeu Antonio Stiftung (der Name geht auf den Mord an einem 1990 von rechtsextremen Jugendlichen in Eberswalde zu Tode geprügelten Farbigen zurück) rund 200 Todesopfer rechter Gewalt gezählt.

Eine Hochburg der westdeutschen Neonazi-Szene ist Dortmund. Das haben Jan Feindt und David Schraven schon in ihrem Album Weiße Wölfe thematisiert. In Dortmund lebt auch Nils Oskamp, der als Jugendlicher in der Schule von Neonazis bedroht, gemobbt und immer wieder zusammengeschlagen wird, weil er sich ihrer Fascho-Propaganda konsequent entgegenstellt. In seinem autobiografischen Album Drei Steine zeichnet Oskamp diese Erlebnisse nach. Grafische Innovationen wird man hier keine finden, aber die Zeichnungen sind solide gearbeitet und die Geschichte wird spannend erzählt.

Erschreckend ist dabei nicht nur die Tatsache, dass sich ein Jugendlicher nicht mehr alleine in die Schule traut, weil er immer wieder Opfer rechter Gewalt wird. Schlimmer ist, dass weder Lehrer, noch Schulleitung oder Eltern sich damit auseinandersetzen. Sie tun Oskamps Schilderungen als Hirngespinste und Ausreden ab. Damit steht er alleine gegen einen braunen Mob, der vor keiner Aggression zurückschreckt. Abgerundet wird das Album durch einen 16seitigen Anhang, in dem die Entwicklung der rechten Szene in Dortmund von den 1980er Jahren bis heute dokumentiert wird.

Top 10 2016Nils Oskamp: Drei Steine
144 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, Panini, ISBN 9783 957 986 467
Auch als E-Book (13,49 Euro)
> Leseprobe

Advertisements

Ein Gedanke zu “Drei Steine

  1. Sieht nach einem interessanten Comic aus, wäre sicher auch was für Schulbüchereien. Ich weiß gar nicht, ob die heutzutage Comics haben.
    Bei der Besuchsszene „beim alten Fritz“ wird mir allersdings schon recht mulmig…

Kommentieren?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s