Terra Australis

nicloux-terra-australisGegen Ende des 18. Jahrhunderts nehmen die sozialen Probleme in London zu. Im restlichen Königreich ist es nicht besser. Auf der einen Seite versuchen die europäischen Mächte, in Afrika und Amerika neue Kolonien zu errichten, um ihre Handelsmacht auszubauen. Auf der anderen Seite gibt es im Königreich viel Hunger und Elend – und die Strafen sind drakonisch. Schon wer nur einen Apfel oder das Taschentuch einer Adligen stiehlt verschwindet für Jahre im Kerker – wenn er nicht gleich gehängt wird. Die Todesstrafen werden zwar manchmal in langjährige Deportation umgewandelt – aber wohin soll man die Menschen deportieren? In Amerika hat man die Briten gerade zum Teufel gejagt und sich für unabhängig erklärt. In Afrika wüten Fieber und unbekannte Krankheiten. In der Folge quellen die Londoner Gefängnisse über.

Da trifft es sich, dass seit einiger Zeit das Gerücht eines südlichen Kontinents durch Europa geistert. Er soll riesig sein, da er als physikalisches Gegengewicht zu den nördlichen Kontinenten gesehen wird. Was logisch scheint, da die Erde ja sonst aus dem Gleichgewicht käme. Weshalb also, fragt man sich in London, soll man dort keine Kolonie errichten – wobei man das Angenehme (Machterweiterung) mit dem Nützlichen (Deportation der Gefangenen) verbinden kann? Also schickt man elf Schiffe mit 1500 Männern und Frauen (und allerlei Viehzeug) auf die 24.000 km lange Reise um die Welt.

Laurent-Frédéric Bollée erzählt seine Geschichte anhand der Schicksale von Menschen, die sich die unterschiedlichsten Hoffnungen machen. Ob Adliger, Seemann, Geistlicher oder Sträfling – jeder hat seine eigene Vorstellung vom Leben in der Fremde. Und dabei nicht bedacht, dass der Kontinent nicht unbesiedelt ist. Für die Gefangenen stellt sich darüber hinaus die Frage, was mit Ihnen passiert, wenn die Zeit ihrer Strafe abgelaufen ist: Dürfen sie zurück nachhause? Oder ist es unter diesen Umständen illusorisch, jemals wieder die Freiheit erlangen zu können?

Bollée lässt sich Zeit mit dem Storyaufbau, und die hat er auf 500 Seiten auch. Echte Spannung kommt dabei leider wenig auf – erst mit Abfahrt der Schiffe wird es etwas stürmischer. Dafür hält er sich an die historischen Fakten und liefert einen guten Abriss der ersten Besiedlung Australiens durch die Europäer. Ein eher nüchtern erzähltes Album – mit allerdings sehr lebendigen Lavurzeichnungen von Philippe Nicloux.

Philippe Nicloux, Laurent-Frédéric Bollée: Terra Australis
508 Seiten, gebunden, schwarzweiß, 44,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-95839-229-8
> Leseprobe

Advertisements

Kommentieren?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s