Ich bin Fagin

eisner-faginDer Matsch lag dick auf dem Pflaster, und ein schwarzer Dunst hing über der Straße. Der Regen fiel träge herab, und alles fühlte sich kalt und klamm an. Es schien gerade die rechte Nacht, in der es sich für ein Geschöpf wie den Juden geziemte auszugehen. Wie er so verstohlen dahinglitt, im Schutze der Mauern und Hauseingänge, glich der grässliche alte Mann einem abscheulichen Reptil, hervorgegangen aus dem Schlamm und dem Dunkel, durch die er sich bewegte, das in der Nacht vorankriecht, auf der Suche nach einem üppigen Mahl von Innereien.

So charakterisiert Charles Dickens seine Figur Fagin in dem Roman Oliver Twist – und festigt damit das antisemitische Bild, das die Menschen damals von Juden hatten. Fagin ist ein ziemlicher Widerling, der Waisenkinder zu Dieben macht, sie ausnutzt und dann ihrem Schicksal überlässt. Dieses antisemitische Zerrbild wurde von Dickes zwar von Neuauflage zu Neuauflage stückchenweise abgemildert, aber die Originalausgabe hat ganze Generationen geprägt. Die dazugehörigen Illustrationen von George Cruikshanks taten ihr übriges, um das Bild des Juden als minderwertige Kreatur im Kopf der Leser zu festigen.

Will Eisner, der aus einer jüdischen Familie stammt, hat sich daran gestört. In seinem Album Ich bin Fagin, dem er den Untertitel Die unerzählte Geschichte aus Oliver Twist gegeben hat, macht er den Versuch, anhand einer – von ihm erfundenen – Lebensgeschichte von Fafin zu erklären, weshalb bestimmte Gruppen von Juden im London des 19. Jahrhunderts zwangsläufig auf die schiefe Bahn geraten mussten. Nämlich schlicht deshalb, weil sie von der bürgerlichen Gesellschaft systematisch ausgegrenzt wurden.

Nun ist der Altmeister der Graphic Novel nicht nur ein begnadeter Zeichner, sondern auch ein starker Erzähler. Die Zeichnungen sind auch in diesem Band erste Sahne. Die Geschichte ist es leider nicht. Wenn man nicht erzählt, sondern erklären oder belehren will, besteht die Gefahr, in Klischees zu versinken. Genau das ist hier der Fall. Eisner liefert eine larmoyante Story über ein Waisenkind, das immer nur Pech hat und am Ende nichts dafür kann, dass es wird, was es wird. Das ist inhaltlich sicher nicht falsch, aber dadurch, dass Eisner die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nur anreißt, und den Schwerpunkt auf die individuelle Leidensgeschichte legt, wirkt die Story konstruiert und kitschig (und könnte, so moralisierend sie ist, glatt von Dickens selbst sein).

Mit dem Thema Antisemitismus hat Eisner sich in seinem Album Das Komplott überzeugender auseinander gesetzt. Davon abgesehen ist Fagin natürlich ein Comic, den man, wie immer bei Eisner, auch alleine seiner Zeichnungen wegen lesen kann.

Will Eisner: Ich bin Fagin – Die unerzählte Geschichte aus Oliver Twist
136 Seiten, gebunden, 19,99 Euro, Egmont, ISBN: 978-3-7704-5521-8
> Leseprobe

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