Das Urteil

stetter-das-urteilEs gibt keinen Autor, dessen Romane und Erzählungen öfter als Comic adaptiert wurden, als Franz Kafka. Neben seiner, schlicht Kafka genannten Biografie, die von Robert Crumb genial illustriert wurde, wären da unter anderem Der Prozess, Das Schloss, In der Strafkolonie und Die Verwandlung – von der Biografie abgesehen sind alle Alben im Knesebeck-Verlag erschienen. Und allesamt von unterschiedlichen Zeichnern bebildert worden.

Das Urteil, eine der ersten Erzählungen des Nobelpreisträgers, wurde von Moritz Stetter adaptiert. Stetter, Jahrgang 1983 und freiberuflicher Comiczeichner und Illustrator, hat bereits Comicbiografien über Bonhoeffer und Luther abgeliefert und Comics in Panik Elektro und anderen Independent-Magazinen veröffentlicht. Im Urteil kommt sein expressiver Strich prima zur Geltung – da kann er sich richtig austoben. Echt klasse dabei: Stetter entwickelt immer mehr einen unverkennbar eigenen Stil – inklusive einer sehr starken, eigenwilligen Panelaufteilung.

Erzählt wird von einem Streit zwischen Vater und Sohn. Wie immer bei Kafka ist vieles surreal. Es bleibt dem Leser überlassen, ob der Vater sich in haltlose Anschuldigungen verrennt, oder der Sohn tatsächlich eine Art Doppelleben führt. Einer der vielen Versuche von Kafka, mit der von ihm als übermächtig empfundenen Vaterfigur klar zu kommen. Kafka-Fans wird hier eine interessante Version in Zeichnungen geboten, die von Seite zu Seite düsterer werden.

Moritz Stetter, Franz Kafka: Das Urteil
48 Seiten, gebunden, 19,95 Euro, Knesebeck, ISBN 978-3-86873-524-6
> Leseprobe

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4 Gedanken zu “Das Urteil

  1. Mich reizt der Zeichenstil hier leider überhaupt nicht. Und ich bin absoluter Kafka-Liebhaber und hab‘ Crumbs Kafka-Porträt, DIE VERWANDLUNG und IN DER STRAFKOLONIE im Regal stehen.

    Ich finde es auch immer schwer mit Adaptionen von Romanen: Was ist der Mehrwert (wenn man die Vorlage bereits gelesen hat)? Beim Medium Comic ganz klar die visuelle Komponente, klar. Aber darüber hinaus? Inhaltlich gibt’s da meist nur wenig Spielraum: Gute Adaptionen schaffen es, bestimmte Aspekte deutlicher hervorzuheben, indem sie atmosphärisch zuspitzen.

    Interessant sind auch Fälle wie CITY OF GLASS oder FAHRENHEIT 451, wo es die Comiczeichner schaffen, mit einer interessanten Comicsprache und raffinierten Seitenlayouts mehrere Buchseiten zusammenzufassen bzw. abstrakte Inhalte zu visualisieren. Dann haben Adaptionen für mich eine Legitimation, weil sie einen Mehrwert bzw. eine Eigenleistung bieten, die über eine bloße Visualisierung im 1zu1-Stil hinausgeht.

  2. Zeichenstile sind wie Musikrichtungen – man kann sie mögen oder nicht. Es ist in letzter Konsequenz immer subjektiv.

    Und was ist der Sinn davon, einen Roman als Comic, Film, Musical oder was auch immer zu adaptieren? Nicht die 1:1-Umsetzung – das wäre langweilig – sondern die persönliche Note, die die Geschichte durch den Stil des Zeichners bekommt. Also die gleiche Story, nur eben aus einem anderen Blickwinkel. Und Stetter bietet wahrlich mehr als eine langweilige 1:1-Übertragung. Da ist Leben drin. Ob man seinen Strich mag, ist dann wieder eine subjektive Frage, aber mehr als 08/15 hat er auf jeden Fall zu bieten – und wird von Seite zu Seite dynamischer.

  3. Kleine Korrektur: Kafka ist kein Nobelpreisträger. Sollte aber natürlich, da bin ich ganz deiner Meinung.

    • Oh, sorry, ich dachte, er hätte ihn posthum bekommen. Aber stimmt – hat er nicht. 😦

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