Der Araber von morgen

sattouf-der-araber-von-morgenDer Titel ist irreführend. Der Araber von morgen geht zur Schule – so lautet lediglich der letzte Satz dieses Albums. Riad Sattouf, der die arabische Mentalität schon in seinem kleinen Comic-Band Meine Beschneidung selbstironisch auf die Schippe genommen hat, beschreibt hier seine Kindheit in Libyen und Syrien. Und da – erzählt wird von der Zeit von 1978 bis 1984 – gingen südlich des Mittelmeers die wenigsten Menschen zur Schule. Das missfällt Raids Vater, denn er war auf der Schule und erinnert sich gerne an diese Zeit zurück. Nicht zuletzt, weil es ihm später ein Studium in Paris ermöglichte.

Das Studium hält ihn aber nicht davon ab, nach wie vor patriarchale Theorien zu vertreten. Ob es um die Rolle der Frau in der Gesellschaft oder um Fragen der Demokratie geht – die Ansichten des Vaters bleiben geprägt von archaischen Traditionen. Der kleine Riad, angesichts seines engeligen Blondschopfs überall beliebt und vergöttert – seine Mutter ist Europäerin – beobachtet das sehr genau. Ähnlich wie Satrapi in Persepolis oder Savoia in Marzi beschreibt Sattouf die Geschichte aus Kindersicht, was natürlich auch zu einiger Situationskomik führt.

An vielen Stellen ist dieses Album allerdings alles andere als komisch. Etwa, wenn die Frauen zum Abendessen das bekommen, was die Männer übrig gelassen haben: eine Platte mit Reis, Bulgur und abgenagten Knochen. Die Frauenfeindlichkeit der arabischen Gesellschaft wird an vielen Stellen deutlich – und nicht nur die. Sattouf schildert eine Kultur, die hierzulande in vielen Punkten unverständlich erscheint.

Interessant sind auch die Unterschiede zwischen den Lebensbedingungen in Libyen, wo Gaddafi den Ölreichtum des Landes meist für Bildung und soziale Verbesserungen einsetzt, und Syrien, wo Assad den Reichtum vorwiegend zur eigenen Bereicherung nutzt. Ein informatives und unterhaltsames Album, dessen Stärke nicht zuletzt darin liegt, zu beschreiben, statt zu werten. Eine Fortsetzung ist angekündigt.

Top 10 2015Riad Sattouf: Der Araber von morgen
Eine Kindheit im Nahen Osten (1978-84)
160 Seiten, 19,99 Euro, Knaus-Verlag, ISBN: 978-3-8135-0666-2
(auch als E-Book lieferbar)
> Leseprobe 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Der Araber von morgen

Kommentieren?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s