Der Traum von Olympia

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Jahr für Jahr ertrinken Tausende von Flüchtlingen im Mittelmeer. Und nach jedem gekenterten Boot versprechen unsere Politiker, alles zu tun, damit sich das nicht wiederholt. Doch als im Oktober 2013 368 Flüchtlinge aus Eritrea ertranken, waren es lediglich die Italiener, die mit der Operation Mare Nostrum in den Folgemonaten 130.000 Menschen vor dem Ertrinken retteten. Trotz ihrer Bitte, die anderen EU-Staaten mögen sich finanziell beteiligen, blieben die Italiener auf den Kosten sitzen. Folge: Mare Nostrum wurde zugunsten der Operation Triton eingestellt. Der Unterschied: Zwei Drittel weniger Geld, ein drastisch reduziertes Einsatzgebiet, und der Schwerpunkt der Operation liegt nicht in der Rettung von Flüchtlingen, sondern in der Sicherung der europäischen Außengrenzen.

2012 ist die somalische Sprinterin Samia Yusuf Omar im Alter von 21 Jahren vor der Küste Maltas ertrunken. Sie war auf dem Weg nach Europa, um, nachdem sie ihr Land bereits bei den olympischen Spielen in Peking vertreten hatte, für die nächsten Spiele in London trainieren zu können. In Somalia war das nicht möglich. Unter anderem deshalb, weil marodierende Islamisten Frauen dort das Laufen verbieten. Samia trainierte trotzdem. Als klar wurde, dass sie sich damit in Lebensgefahr begibt, blieb nur die Flucht nach Europa.

In seinem neuen Album erzählt Reinhard Kleist die Geschichte dieser Frau. Mit anderen Flüchtlingen reist sie in überladenen Lastwagen und Pick Ups durch die Wüste des Sudan und das bürgerkriegsgepeitschte Libyen. Die Schlepper sind brutal. Es gibt immer neue Forderungen. Das Geld wird knapp. Wer keins mehr hat, wird zurückgelassen. Wer die Strapazen nicht durchhält, ebenfalls.

Kleist erzählt die Geschichte in gewohnt starken Bildern. Vor allem Samias Leben in Somalia bringt er atmosphärisch dicht auf die Seiten. Danach wird es etwas dünner. Die Flucht selbst erzählt er in Episoden – von Addis Abeba nach Karthum, von Karthum nach Sabha, von Sabha nach Tripolis. Was ein bisschen fehlt, ist das Leben zwischen den Etappen. Die Frage, wann es weitergeht. Die Frage, ob es überhaupt weitergeht. Die Warterei. Die Ungewissheit. Die Bedrohung durch Diebe, Polizisten, Gewalt. Kurz: Der ganz banale, täglich mehr zermürbende Alltag, der eigentlich den Großteil einer solchen Flucht ausmacht, wird lediglich kurz angedeutet – da geht einiges an Atmosphäre verloren.

Davon abgesehen ist Der Traum von Olympia ein starkes Album – und ein wichtiges sowieso. Samias Geschichte steht stellvertretend für die Geschichte vieler afrikanischer Flüchtlinge. Die Zeichnungen von Kleist machen diese Geschichte lebendig. Und seine Schwarzweiß-Zeichnungen gehören einfach zum Besten, was die Graphic Novel zu bieten hat.

Top 10 2015Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia
152 Seiten, gebunden, 17,90 Euro, Carlsen, ISBN 978-3-551-73639-0
> Leseprobe

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