Appartement 23

sorel-appartement23Guillaume Sorel ist bekannt als Zeichner düsterer Geschichten, in denen die Grenze zwischen Leben und Tod oft überschritten wird. Der Fluch der Kiesslings und Die Toteninsel sind Beispiele dafür. Mit der realen Welt hat er sich in Die letzten Tage von Stefan Zweig beschäftigt, aber auch da ging es eigentlich mehr um das Innenleben des zunehmend unter Depressionen leidenden Autors, als um Äußerlichkeiten. All diesen Alben gemeinsam war, dass Sorel sie nur gezeichnet hat – das Szenario stammte von anderen Künstlern. In Appartement 23 sind Zeichnungen und Story von ihm, und auch hier werden die Grenzen zwischen Leben und Tod überschritten. Sichtbares und Unsichtbares verwehen ineinander.

Es beginnt mit dem Selbstmord einer jungen Frau. Weshalb sie sich umbringt, erfährt man nicht. Vielleicht steckt eine Liebesgeschichte dahinter, denn sie fühlt sich auch nach ihrem Tod von einem Mann angezogen, der als Maler vorzugsweise damit beschäftigt ist, sich den Gerichtsvollzieher vom Leibe zu halten. In letzter Sekunde kann er einen magischen Spiegel vor den Händen des Geldeintreibers retten – und sich damit in eine andere Welt flüchten. In dieser Welt sind sonderbare Dinge möglich.

Die tote Frau beispielsweise erkundet dort als unsichtbares Wesen das Leben der anderen Hausbewohner und lernt eine – lebende – Katze kennen, mit der sie sich – im Gegensatz zu den lebenden Menschen, denen sie begegnet – auch unterhalten kann. Und a pros pos Katze: Sorel ist ohnehin ein Zeichner, der Stimmungen und Atmosphären traumhaft einfangen kann. Seine Katzen sind in diesem Album allerdings ein Genuss für sich.

Einfach macht Sorel es dem Leser dabei nicht. Der Handlungsstrang verläuft oft assoziativ. Eingestreut sind Texte von Arthur Rimbaud, Lewis Caroll, Alexander Puschkin und Charles Baudelaire, und die Namen dieser Autoren spiegeln auch die Atmosphäre der Geschichte: Irgendwo zwischen Phantastik und Totenreich, zwischen Amüsement und Verwesung erzählt Sorel die Liebesgeschichte zweier Verzweifelter, die er in stimmungsvollen Aquarellen zu Papier bringt. Als Farben reichen ihm Schwarz, Weiß und graue bis grün-braune Schattierungen in den Übergängen. Kein Album für Freunde geradlinig erzählter Stories, aber wer sich an starken Zeichnungen erfreut und gerne ein bisschen mitdenkt, wird es genießen. Grafisch auf jeden Fall erster Sahne.

Top 10 2014 Guillaume Sorel: Appartement 23
104 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-755-1
> Leseprobe

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2 Gedanken zu “Appartement 23

    • FEGEFEUER fand ich inhaltlich anders (und klarer erzählt) als das APPARTEMENT. HIMMEL ÜBER BERLIN kann man nur lesen, wenn man den Film kennt – wenn man den Bezug nicht hat wirkt es wie intellektuelle Onanie. In diesem Fall – also bei APPARTEMENT 23 – fand ich die Story zwar auch nicht sooo überzeugend. Aber die Grafik ist einfach nur geil!

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