Der gigantische Bart, der böse war

collins-der-gigantische-bart Unter der Haut von allem steckt etwas, von dem niemand weiß. Es ist die Haut, die alles sicher verstaut und verdeckt. Mit diesen zwei Sätzen beginnt die Geschichte von Dave und seinem gigantischen Bart. Den er aber am Anfang noch gar nicht hat. Am Anfang hat er nur ein einziges kleines Barthaar, das immer wieder nachwächst. Egal, ob man es rasiert, wachst, auszupft oder es sonst wie zu entfernen versucht – es wächst innerhalb einer halben Stunde nach. Und ist danach genau wie vorher.

Dave lebt in HIER. Das ist eine große Stadt mitten in einem See, und der See schützt HIER vor dem DORT, das außerhalb des Sees liegt. Das ist auch gut so, denn in HIER herrscht Ordnung. In jeder Hinsicht. Die Häuser in Daves Straße sind alle gleich groß, Äste und Blätter an den Bäumen sind auf die gleiche Größe geschnitten, und selbst der Tagesablauf der Bewohner ist exakt geregelt. Ordnung gibt Sicherheit, aber unter der Haut von allem steckt etwas, von dem niemand weiß. Und das, von dem niemand etwas weiß, aber alle fürchten, bricht sich irgendwann in Gestalt eines Bartes Bahn. Daves einzelnes Barthaar wuchert und ist nicht mehr zu bändigen. Das bringt nicht nur Daves Aussehen, sondern auch die allgemeine Ordnung in Gefahr.

Stephen Collins, der in London Cartoons und Illustrationen für Zeitschriften zeichnet, legt hier eine Geschichte vor, die auf kafkaeske Weise Gewohnheiten und Sicherheitsdenken von Menschen karikiert. Die Art, wie er diese Geschichte erzählt, gefällt mir ausgesprochen gut. Die Geschichte selber ist im Kern nicht neu, aber originell ausgearbeitet. Sein Zeichenstil ist eher sparsam – man merkt ihm den Cartoonisten an – aber eben weil er Cartoonist ist, auch pointiert. Abwechslungsreiche Panel- und Seitenstrukturen sorgen zusätzlich für Leben. Das Album erinnert an manchen Stellen an Shaun Tans Ein neues Land, obwohl Tan natürlich vielfältiger ist. Sagen wir es so: Wer Julius Acquefacques mag, wird auch diesen Comic mögen.

Stephen Collins: Der gigantische Bart, der böse war
240 Seiten, sw, gebunden, 29,99 Euro, Atrium-Verlag, ISBN 978-3-85535-073-5

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