Kiesgrubennacht

reiche-kiesgrubennachtDas Konzept dieses Albums, in dem Reiche Kindheitserinnerungen vorstellt, skizziert Reiche so: Ich notiere und zeichne, woran ich mich erinnere und was mir wichtig ist. Keine Dokumentation. Keine Recherche. Während ich an dem Ding sitze, rede ich nicht mal mit meinen Geschwistern über früher. Ich will wissen, was mein Hirn freigibt! Der 1944 geborene Max und Moritz-Preisträger wuchs in einer Familie mit vier Geschwistern auf. Die Mutter ist Gauleiterin im Bund deutscher Mädchen, der Vater Kriegsberichterstatter und selbsternannter Dichter des Führers. Der kleine Volker bekommt davon wenig mit, und das, was er mitbekommt, versteht er noch nicht.

Was Reiche im Wesentlichen schildert, sind Kindheitserlebnisse aus den 1950er Jahren – die Nachkriegswelt aus Kindersicht. Dabei kommt der Humor nicht zu kurz, denn Kindergeschichten sind immer drollig. Bis auf die Szenen, in denen der despotische Vater die Mutter schlägt und die Kinder nicht wissen, was sie tun sollen. Oder wenn dem kleinen lesehungrigen Volker Eugen Kogons Buch Der SS-Staat in die Hände fällt. Dazwischen diskutiert Reiche, der erwachsene Comiczeichner, seine Arbeit mit Herrn Paul (einer Katze), Müller und Tassilo (beides Hunde) – Figuren aus seiner Comic-Reihe Strizz. Diese Einschübe sind streckenweise ganz amüsant, wirken aber ein bisschen, als wolle Reiche damit Unsicherheiten in der Erzählstruktur überdecken.

Reiches Zeichnungen kommen dagegen so souverän und ausdrucksstark rüber, wie man das von ihm gewohnt ist. Der pure Genuss. Da die Geschichte aus Kindersicht erzählt wird, überwiegt die Lockerheit, die zudem durch eine helle und freundliche Kolorierung unterstrichen wird. Ein unterhaltsames Album, das einiges über den Autor preisgibt und Nachkriegsdeutschland nicht nur optisch so darstellt, wie es war, sondern auch inhaltlich auf den Punkt bringt: Geprägt vom verschämten Verdrängen der Erwachsenen, die auf die Fragen der Kinder – so sie denn gestellt wurden – keine Antwort hatten.

Volker Reiche: Kiesgrubennacht
231 Seiten, 21,99 Euro, Suhrkamp, ISBN 978-3-518-46476-2
> Leseprobe

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