Ardalén

prado-ardalenDie Frage, wer man ist, wird vor allem durch die Erinnerung bestimmt. Durch die eigene – und die, die andere an uns haben. Aber je länger etwas zurückliegt, desto schwerer fällt es, vergangene Ereignisse von den im Laufe der Jahre dazu gesponnen Wünschen und Fantasien zu trennen.

Der alte Fidel kann sich noch gut erinnern. Vor allem, wenn der Ardalén weht – ein Wind aus Südwest, der an der europäischen Atlantikküste übers Land streicht. Dann sitzt Fidel am Rande seines kleinen spanischen Dorfes, weitab vom Meer, hört die Walfische singen und sieht sie aus dem kleinen Wäldchen am Dorfrand aufsteigen. Und mit ihnen steigen die Erinnerungen seiner Jugend auf – als er als Matrose die halbe Welt befahren und drei Schiffsuntergänge überlebt hat.

Aber sind das seine Erinnerungen? Oder hat der Ardalén sie mit denen fremder Menschen vermischt? Die Leute im Dorf behaupten, man könne nicht alles glauben, was Fidel erzählt. Trotzdem schicken sie die fremde Frau, die etwas über ihren Großvater erfahren will, der von hier vor Jahrzehnten nach Kuba ausgewandert ist, mit ihren Fragen ausgerechnet zu ihm.

Miguelanxo Prado liefert mit Ardalén ein Album ab, das sich auf poetische, aber nicht unrealistische Weise mit der Frage der Erinnerung beschäftigt. Die Idee dazu entstand zur gleichen Zeit wie die zu De Profundis, die Zeichnungen in Ardalén sind allerdings detailfreudiger. Die Mienen seiner Figuren spiegeln ihre Charaktere mit einer so derben Klarheit, wie man das auch aus den Alben von Baru kennt. Auch Prados Bilder sind lebensnah, werden aber in Szenen, in denen es um Erinnerungen geht, mit einer gehörigen Portion Phantastik angereichert. So entstehen Atmosphären und Seiten, die man lange ansehen kann (schon das Cover ist genial), und die wunderbar mit den melancholischen und philosophischen Untertönen der Erzählung korrespondieren. Ein Album, das dem Begriff Graphic Novel alle Ehre macht, und auch einiges an Spannung zu bieten hat. In jeder Hinsicht erstklassig.

Top 10 2013

Miguelanxo Prado: Ardalén
256 Seiten, gebunden, 29,99 Euro, Ehapa, ISBN 978-3-7704-3695-8
> Leseprobe

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