Der Spieler

Sucht ist listig. Gegen sie zu argumentieren ist sinnlos, weil sie immer die besseren Argumente hat. Wie süß klingt der Satz Nur eine Zigarette nach dem Essen, wenn man sich gerade das Rauchen abgewöhnen will. Wer dieser Logik nachgibt, stellt schnell fest, dass es plötzlich sehr viele Situationen gibt, die man irgendwie mit nach dem Essen umschreiben kann. Und dann gibt es noch die Suchtverlagerung. Wer nicht auch sein Suchtverhalten, sondern nur den Suchtstoff ändert, befriedigt sein Bedürfnis nach oraler Zufuhr später nicht mehr mit Zigaretten, sondern mit dem Kühlschrankinhalt.

Der russische Autor Fjodor Dostojewski kann ein Lied davon singen. Er war hochgradig spielsüchtig. Sein Roman Der Spieler beschreibt diese Leidenschaft ausführlich. Und auch in diesem Roman spielt Suchtverlagerung eine Rolle: Vor der Spielsucht steht die Liebe zu einer Frau. Die schöne (und berechnende) Polina behandelt den sie anhimmelnden Alexej wie ihren Schoßhund. Alexej nimmt alle Demütigungen in Kauf, um ihr nahe sein zu können. Das Schema wiederholt sich, als er anfängt zu spielen: Auch da nimmt er jede Demütigung in Kauf, um am Roulettetisch sitzen zu können.

Miquel hat die wesentlichen Aspekte des Romans für seine Comicadaption herausgearbeitet. Godart hat sie in Zeichnungen umgesetzt, die die Dekadenz der Feudalgesellschaft in stimmige Bilder packt. Im fiktiven Ort Roulettenburg trifft sich der europäische Adel in teuren Hotels und an den Spieltischen der Casinos. Doch der schöne Scheint trügt. Einige Besucher sind hoch verschuldet und leben von der Hoffnung auf eine baldige Erbschaft – stets umkreist von jungen Frauen, die für eine lukrative Heirat gerne jede Moral über Bord werfen. Allerdings nur, so lange die Erbschaft realistisch erscheint.

Splitter hat den ansprechend gestalteten Band in seiner Book-Reihe publiziert. Aufgrund der detailreichen Bildhintergründe stellt sich die Frage, ob hier das Albenformat nicht die bessere Lösung gewesen wäre. Für meinen Geschmack haben die Panelinhalte sehr wenig Raum. Alles wirkt ein bisschen Kleinklein. Trotzdem ist es ein schönes Album, in dem Godart mit seinem Strich, der an eine Mischung aus Boucq, Bezian und Sorel erinnert, jede Menge Ausdruck in die Gesichter seiner Akteure zaubert. Auch die meist in Ocker- und Grüntönen gehaltene Kolorierung trägt viel zu einer stimmigen Atmosphäre bei.

PS: Dirk Schulz vom Splitter-Verlag schreibt mir zum Thema Format: Das Buch ist auch im Original im kleinen Format erschienen. Die Reihe Noctambule, in der auch Der letzte Mohikaner und demnächst Der Selbstmörderclub erscheint, erscheint bei Soleil in diesem kleineren Buchformat.

Loic Godart, Stephane Miquel, Fjodor Dostojewski: Der Spieler
96 Seiten, gebunden, 19,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-443-7
> Leseprobe

Advertisements

2 Gedanken zu “Der Spieler

  1. Leider leider gibt es diese unfassbar schlechte Idee-in Frankreich und dann eben auch bei Splitter, tolle Bücher in diesem grauenhaft kleinen Format zu bringen.
    Lösung: nicht kaufen, vielleicht bessert sich dann etwas.

    • Na ja, die Book-Formate sind nicht an sich schlecht. Bei manchen Comics reicht das Format völlig, außerdem liegen sie gut in der Hand und sind bequem zu verstauen. Nur manchmal käme groß wirklich besser.

      Wobei ich den Kauf des Spielers nicht deshalb lassen würde, weil er Book-Format hat. Bei ihm wäre größer zwar schöner, aber auch als Book ist er nicht schlecht.

Kommentieren?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s