Reisen zu den Roma

In Krisenzeiten sind Minderheiten oder fremde Ethnien immer beliebte Angriffsziele. Regierungen verhindern die Solidarität zwischen den sozial Schwachen, indem sie auf eine Bevölkerungsgruppe zeigen, die angeblich an allem Schuld ist. Dann schlagen sich die Leute gegenseitig die Köpfe ein, und Firmen- und Bankvorstände können in Ruhe ihre Profite optimieren. Das funktioniert seit hunderten von Jahren. Mal sind es die Juden, mal die Serben, mal die Islamisten, mal die Arbeitslosen. Und immer wieder werden auch die Roma, nach dem Prinzip spalte und herrsche, als diejenigen ausgedeutet, die an allem möglichen Schuld sein sollen.

Vor eineinhalb Jahren lies der französische Präsident Sarkozy Roma-Lager in ganz Frankreich auflösen, um mit dieser rassistischen Maßnahme Stimmen am rechten Rand zu gewinnen. Die Roma wurden ausgewiesen, ihre Unterkünfte mit Bulldozern platt gemacht. Wohin die Menschen gehen sollen, war egal – Hauptsache anderswo hin. Der Fotograf Alain Keler hat Roma-Siedlungen im Kosovo, in Belgrad, in Tschechien, in Italien und in der Slowakei besucht und am Ende auch die Räumung der Siedlungen in Frankreich fotografiert. Das Ergebnis sind Reportagen über Lust und – meistens – Frust des Roma-Lebens, die wie schon in der Trilogie Der Fotograf von Guibert mit Zeichnungen ergänzt und von Lemercier als interessante Foto-Comic-Collage zusammengestellt wurden.

Die Fotos sind klasse, die Zeichnungen passen sich kongenial ein, und die Montage von Lemercier fügt beides harmonisch zusammen. Ergänzt wird das Album durch zahlreiche Hintergrundinformationen und einen Artikel von Keler über die Räumungsaktion in Frankreich. Sehr informativ und für alle, die sich für das Leben der Roma im Speziellen oder das Thema Menschenrechte in Europa im Allgemeinen interessieren absolut empfehlenswert. Das etwas kleiner gewählte, handliche Format (20 x 27 cm) kommt dem Album sehr zugute. Auch für den Schulunterricht geeignet.

Emmanuel Guibert, Alain Keler, Frédéric Lemercier: Reisen zu den Roma
88 Seiten, gebunden, 25,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-090-8
> Leseprobe
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