Annas Paradies

Da kann man nur gratulieren: Ein so starkes Comicdebüt wie das von Daniel Schreiber ist selten. Aber der Weg vom Regisseur und Illustrator zum Szenaristen und Zeichner ist ja auch nicht weit. Wobei ich mir allerdings die Frage stelle, wieso sich Autoren so oft ins Jenseits flüchten, um eine spannende Geschichte zusammen zu bekommen. Bietet das Diesseits nicht genug Stoff? Muss es immer DAS BÖSE sein, das im Hintergrund die Fäden zieht – also etwas, das es eigentlich gar nicht gibt?

In diesem Fall dreht sich alles um einen schwarzen Engel namens Anna. Eine, wie sie selbst sagt, Überläuferin, die mit dem Bösen nichts mehr zu tun haben will. Schwarzmarkthändler Victor staunt nicht schlecht, als sie ihm direkt vom Himmel in den Hinterhof seines Ladens fällt. Wir schreiben das Jahr 1946. Der zweite Weltkrieg ist seit einem Jahr vorbei. Vieles liegt noch in Schutt in Asche – nur das „kleine Paradies“, das Viertel der Diebe, Spieler, Huren und Penner ist intakt und reich bevölkert.

Anna verfügt über Kräfte, die sie nicht unter Kontrolle hat. Tödliche Kräfte. Das merkt Victor ziemlich schnell. Dann ist da noch ein Mädchen, die Tochter eines Nazigenerals. Victor wollte sie samt Eltern gegen 50 Kilo Kaffee aus der Stadt schmuggeln, aber nach einer Schießerei blieben die Eltern auf der Strecke. Victor rettete das Kind und eine Tasche mit unbekanntem Inhalt. Hinter der Tasche sind auch andere her.

Für Spannung ist damit gesorgt, und die Zeichnungen sind so wunderbar diesseitig, dass sie mit dem esoterische Hintergrund der Geschichte schnell versöhnen. Verfallene Hinterhöfe und rundum originelle Typen – das alles ist so echt, als stünde man mittendrin. Und erinnert irgendwie an eine Mischung aus Loisel und Sokal. Die Reihe ist auf drei Bände angelegt. Nach Florian Biege mit seinem genialen Im Bann der Hexer wieder ein starkes deutsches Debüt.

Update 28.9.14: Band 2 ist da. Nicht immer logisch (das war der erste auch nicht), aber nach wie vor spannend und klasse gezeichnet.

Update 28.4.17: Band 3 ist da, und die Serie damit abgeschlossen. Es mystikt sehr im dritten Band, aber die Zeichnungen sind nach wie vor sehenswert – was nicht nur an den großflächigen Panels, sondern auch an den skurrilen Figuren liegt.

Daniel Schreiber: Annas Paradies
64 Seiten, gebunden, 13,80 Euro, Splitter, ISBN 978-3-86869-297-6
> Leseprobe

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