Asterios Polyp

Asterios Polyp ist ein Egomane. Er ist der Mittelpunkt der Welt, seine Meinung das Maß aller Dinge. Man muss ihm allerdings zugutehalten, dass er damit sehr erfolgreich ist. Obwohl keiner seiner Entwürfe je gebaut wurde, genießt er einen exzellenten Ruf als Architekt. Er vertritt die Theorie, dass alles, was nicht funktional ist, nur Dekoration sein kann. Dieses Motto bestimmt sein Leben.

Dummerweise brennt ihm ausgerechnet an seinem 50. Geburtstag die Wohnung ab. Ein Blitz hat eingeschlagen. Was tut er? Er kauft eine Busfahrkarte, steigt in einem Kaff am Ende der Welt aus, sucht sich einen Job als Automechaniker und mietet sich in einem scheußlich möbliertem Zimmer ein. In einem religiösen Buch würde das vielleicht noch als tätige Reue durchgehen – in einem Roman, der Anspruch auf Stringenz erhebt, würde der Lektor dem Autor diese unlogische Geschichte um die Ohren hauen. Bei Mazzucchelli übersieht man diese Unlogik gerne, denn davon abgesehen ist das Album wirklich außergewöhnlich.

Da ist zunächst das rundum originelle Figurenkabinett: Polyps Frau Hana, die sensible Künstlerin, die ihn verlässt, weil in seiner Welt kein Platz für andere Menschen ist. Der Choreograph und der Komponist, für die Hana arbeitet – beide nicht weniger neurotisch als Polyp. Schließlich die exaltierte Frau des Mechanikers, die glaubt, mehrfach wiedergeboren zu sein („Mach dir keine Sorgen, falls du dich in mich verliebst. Das passiert allen. Ich bin eine Göttin.“).

Und dann die Zeichnungen. Polyp als kühler Kopfmensch wird vorwiegend blau und kantig dargestellt. Seine Sprechblasen sind konsequent rechteckig, die seiner Frau runder und weicher. Jede Figur hat ihre eigene Grundfarbe, und die Vielfalt an Raumaufteilung, mit der Mazzucchelli die Geschichte zu Papier bringt, ohne sich dabei in Beliebigkeit zu verlieren, ist ebenso beeindruckend wie die Liste der Preise, die das Album gewonnen hat – darunter drei Harvey und drei Eisner Awards und den Spezialpreis der Jury in Angoulême.

Ein Album, das sowohl intellektuell wie unterhaltsam, teilweise sogar amüsant ist, dessen Hauptfigur, obwohl arrogant und verkopft, erstaunlich menschlich und sympathisch rüber kommt, und das man aufgrund seiner grafischen Vielschichtigkeit sicher öfter als einmal zur Hand nehmen wird. Hätte auch gut in das Programm von avant gepasst.

David Mazzucchelli: Asterios Polyp
344 Seiten, gebunden, 29,95 Euro, Eichborn-Verlag, ISBN9783821861302

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