Deutsche Comicforschung 2011

Seit 2005 publiziert Eckart Sackmann als Autor und Herausgeber das Jahrbuch Deutsche Comicforschung. Mit immer wieder interessanten Hintergrundberichten rund um die Welt der bunten Bilder hat sich das Jahrbuch längst zum Standardwerk über deutsche Comicgeschichte gemausert. Die Beiträge beleuchten die unterschiedlichsten Aspekte deutscher Comickunst zu den verschiedensten Zeiten – von den ersten grafischen Bildergeschichten des Mittelalters bis zur Graphic Novel der Gegenwart. Auch der aktuelle Band 2011 bietet eine Fülle informativer Artikel.

So untersucht Sackmann gemeinsam mit Horst Jachim Kalbe das Afrikabild der deutschen Kolonialcomics, in denen die Bewohner des schwarzen Kontinents bestenfalls den Status seltsamer Tiere hatten, die bei Krankheit, wenn überhaupt, auch so behandelt wurden: „Der Neger meist ein dummer Dachs is / drum gehört er in die Tierarztpraxis“ reimte es E. Heine 1910 in einem Comicstrip des „Eulenspiegel“ zusammen. Die Autoren untersuchen die Unterschiede in der Darstellung von Farbigen in Witzblättern und in den Beilagen von Kolonial- und Missionarszeitschriften. Deren rassistisches Menschenbild hielt sich bis in die 1960er Jahre. Die Abenteuer von Lurchi, dem kostenlosen Comic für Kunden der Schuhmarke Salamander, sind ein Beispiel dafür.

Daneben gibt es einen sehr schönen Rückblick auf den 1. Internationalen Comicsalon von Erlangen 1984 und dessen Entstehungsgeschichte. Während der Salon heute vorwiegend mit der Stadt Erlangen und den daran beteiligten Verlagen in Verbindung gebracht wird, entstand er ursprünglich aus den Bedürfnissen der im ICOM (Interessenverband Comic) zusammengeschlossenen Zeichner und Comicmacher. Damals galt Deutschland, im Gegensatz zum benachbarten Frankreich und Italien, als Comicentwicklungsland. Erwachsene Comicleser wurden von der offiziellen Kulturlandschaft in Feuilleton und Politik als eine Art sekundäre Analphabeten angesehen. Um das zu ändern, und um die Kommunikation zwischen den Zeichnern zu erleichtern, hatte der ICOM die Comicmesse geplant. Heute kann man Comicrezensionen sogar in der konservativen FAZ lesen.

Insgesamt enthält das Jahrbuch 2011 viele informative Artikel – wie immer mit einer Fülle liebevoll gestalteter Bildbeispiele illustriert. So erfährt man einiges über die Arbeiten von Zeichnern wie Hellmuth M. Peter, Horst von Möllendorff, Carl Meffert/Clément Moreau, Reinhold Escher (Mecki), Franziska Bilek, Roland Kohlsaat und Wolfgang Altenburger. Neben den Beiträgen von Sackmann und Kalbe gibt es Artikel von Prof. Dr. Günter Dammann, Prof. Dr. Dietrich Grünewald, Dr. Helmut Kronthaler und Dr. Michel F. Scholz. Man kann diese Jahrbuch-Reihe jedem empfehlen, der Comics nicht nur lesen, sondern auch ihre geschichtlichen Hintergründe verstehen will.

Dr. Eckart Sackmann (Hg.): Deutsche Comicforschung 2011
144 Seiten, gebunden, 39,00 Euro, comicplus+, ISBN 978-3-89474-209-6
> Leseprobe

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