Haarmann

Es ist den Berichten des Schriftstellers und damaligen Prozessbeobachters Theodor Lessing zu verdanken, dass das Verfahren gegen den Massenmörder Fritz Haarmann nicht so abgelaufen ist, wie die Behörden es gerne gehabt hätten: unauffällig und „unter Vermeidung der Bloßstellung von Ämtern und Behörden“. Es waren nämlich vor allem die Polizeibehörden von Hannover, die in den 1920er Jahren sämtliche Hinweise bezüglich der Machenschaften von Haarmann unter den Teppich gekehrt haben. Nicht zuletzt deshalb, weil Haarmann als Geheimagent auf ihrer Gehaltsliste stand und dadurch in der Lage war, im Bahnhofsviertel nach jungen Männern Ausschau zu halten, die ihren Anschlusszug verpasst hatten und froh waren, eine kostenlose Bleibe für die Nacht angeboten zu bekommen.

Mindestens 24 von ihnen überlebten die Nacht nicht. Haarmann vergewaltigte sie, biss ihnen dabei die Kehle durch, trennte den Leichen fein säuberlich das Fleisch von den Knochen, warf die Knochen in den Fluss und verkaufte die Kleidung und das Fleisch seiner Opfer zu günstigen Preisen. Es war die Zeit zwischen zwei Weltkriegen, und die Menschen waren froh über jedes Sonderangebot.

Peer Meter, der bereits das Szenario zu dem genialen, von Barbara Yelin gezeichnetem Album Gift geschrieben hat, zeigt auch hier, dass er recherchieren und ein so komplexes Thema in eine ebenso spannende wie übersichtliche Geschichte packen kann. Und dann ist da Isabel Kreitz, eine der derzeit besten Zeichnerinnen. Was sie an Stimmungen in dieses Album bringt ist einfach klasse. Ihre schwarzweißen Straßen-, Häuser- und Wohnungsansichten machen Lust auf Zeitreisen – man fühlt die Atmosphäre der 1920er Jahre auf jeder Seite. Viel besser kann man das nicht machen.

Isabel Kreitz, Peer Meter: Haarmann
192 Seiten, gebunden, schwarzweiß, 19,90 Euro, Carlsen,
ISBN 978-3-551-79107-8

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