Fräulein Else

Ach, wie schööön. Das ist ja unglaublich, wie stilsicher Fior hier die Atmosphäre des Jahres 1920 in einem italienischen Kurort einfängt, in dem sich die Damen und Herren der Gesellschaft ein Stelldichein geben. Ganz im Stil der Wiener Secession gemalt, adaptiert Fior die Novelle von Arthur Schnitzler, in der sich alles um ein unmoralisches Angebot dreht – und um die Frage, wie Else damit umgeht.

Else, Tochter eines notorisch verschuldeten Wiener Rechtsanwalts, die sich im Urlaub in Italien befindet, bekommt ein Telegramm von ihrer Mutter. Es geht um finanzielle Probleme des Vaters und darum, den sich im gleichen Kurort wie Else befindlichen und mit der Familie bekannten Kunsthändler Dorsday um ein Darlehen zu bitten. Else bittet, und Dorsday bittet auch – nämlich darum, Else einmal nackt sehen zu dürfen. Das ist seine Bedingung für die Gewährung des Kredits. Schnitzler, der mit Sigmund Freud befreundet war, thematisiert hier die Doppelmoral des gehobenen Bürgertums – ihre auf biederem Wohlstand begründete Anständigkeit und die verborgenen erotischen Bedürfnisse.

Else ist nicht prüde. Sie flirtet gerne und mag die Filous lieber als die Männer der Gesellschaft, die sie umschwärmen. Aber das Angebot von Dorsday widert sie an: „Ich verkaufe mich nicht,“ notiert sie. „Ich schenke mich her. Ein Luder will ich sein, aber nicht eine Dirne.“ In einem inneren Monolog erörtert sie die Vor- und Nachteile ihres Handelns und sucht einen Ausweg. Gibt sie nach, verliert sie ihre Selbstachtung. Gibt sie nicht nach, wird der Vater inhaftiert und nimmt sich wahrscheinlich das Leben.

Was Fior daraus macht, ist wunderschön anzusehen. Er illustriert diesen inneren Konflikt sehr anschaulich und bringt viel Stimmung in die Bilder. Eine spannende Geschichte in einer wirklich sehenswerten Adaption.

Manuele Fior: Fräulein Else
88 Seiten, 19,95 Euro, avant-verlag, ISBN 978-3-939080-43-5

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