Rembetiko

„Mut,“ hat Charles Bukowski einmal geschrieben, „kommt aus dem Magen. Alles andere ist Verzweiflung.“ Ein bisschen fängt dieser Satz die Stimmung der fünf Musiker ein, die 1936 in einer schmuddeligen Hafenkneipe von Athen ihren Rembetiko spielen, in den Pausen mit Haschisch gefüllte Wasserpfeifen rauchen, sich Scharmützel mit der Polizei liefern und sich gerne auch mal gegenseitig verdreschen. Eine Mischung aus Trotz und Melancholie, Widerstand und Verlorenheit ist es, die Prudhomme hier zu Papier bringt, um eine Musik zu beschreiben, die man als griechischen Blues bezeichnet.

Der Rembetiko entstand in den 1920er Jahren als Musik der Flüchtlinge, der Gescheiterten und Gestrandeten der Gesellschaft – schwungvoll und provokativ wie der Tango, schwermütig und traurig wie der Fado. 1936 übernahm mit Metaxas ein nationalsozialistischer Diktator die Macht in Athen. Er wollte mit den Randexistenzen der Gesellschaft aufräumen und verfolgte sie ebenso wie die Musik, die ihr Lebensgefühl ausdrückte. Rembetiko-Musiker wurden inhaftiert und ihre Instrumente zerstört, weshalb die Musiker nur noch heimlich auftraten.

Prudhomme skizziert in diesem Album 24 Stunden im Leben von fünf Musikern in den Armenvierteln von Piräus. Die Lebensfreude der Menschen kommt dabei ebenso rüber wie die Perspektivlosigkeit ihrer Situation. Und dann ist da noch der Agent einer US-Plattenfirma und die Frage, ob man die Seele dieser an sich subversiven Musik verkauft, wenn man einen Plattenvertrag unterschreibt.

Rembetiko ist ein ziemlich geniales, atmosphärisch sehr dichtes, allerdings auch schwermütiges Album, in meist dunklen, gesetzten Farben, die nur selten von der flirrenden Leichtigkeit des mediterranen Lichts durchbrochen werden. In Angoulême 2010 mit dem Preis „Regards sur le monde“ ausgezeichnet.

David Prudhomme: Rembetiko
104 Seiten, 20,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-941099-56-2
> Leseprobe

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