Alans Krieg

Ein paar Seiten weniger würden diesem Album gut tun. Denn so stellt sich die Frage, was es denn sein soll? Die Erlebnisse eines GIs gegen Ende des zweiten Weltkriegs, wie der Titel impliziert? Dann wäre nach Seite 215 Schluss. Oder die Erfahrungen eines Menschen, der durch den Krieg eine Menge Länder, Menschen und Mentalitäten kennen lernt, dadurch den „American Way of Life“ als oberflächlich empfindet und den Vereinigten Staaten den Rücken kehrt, um anderswo zu leben – was ab Seite 240 deutlich wird? Dann hätte man es anders strukturieren und anders erzählen müssen.

Trotz dieser Unklarheit in der Erzählung und im Aufbau ist das Album interessant und liest sich über weite Strecken auch recht unterhaltsam. Ausgangspunkt für Guibert, der hierzulande durch die Trilogie Der Fotograf bekannt wurde, war die Bekanntschaft mit Alan Cope, den er 1994 durch Zufall in Frankreich kennen lernte.

Viel Spektakuläres hat Cope nicht zu berichten. Als er im Februar 1945 als 20jähriger GI in Frankreich ankommt, ist der Krieg fast zu Ende. Die letzten drei Monate bis zur deutschen Kapitulation verbringt er in einer Kompanie, die auf seltsamen Schleichwegen Frankreich, Deutschland und die Tschechoslowakei durchquert, weil sie einen Geheimauftrag erfüllen soll, aufgrund fehlender Karten aber mehr umher irrt, als zielstrebig unterwegs zu sein. Interessant sind hier die vielen Begebenheiten am Rande, der ganz normale soldatische Alltag mit seinem Stumpfsinn aus Warten, Schikane und Ungewissheit. Interessant sind auch die geschilderten Lebensbedingungen der Nachkriegszeit.

Durch diese Erfahrungen verändert sich Cope´s Lebenseinstellung, ohne dass er es zunächst selbst merkt. Das Album wird zur Biographie eines Menschen, der durch Reiseerfahrungen zum Kosmopolit wird und kleingeistige nationale und religiöse Regeln nicht mehr ertragen kann. Ein trotz mancher Länge unterhaltsamer Schmöker mit guten Zeichnungen, in denen vor allem die Landschaftsbilder – obwohl nur schwarzweiß – viel Atmosphäre vermitteln.

Emmanuel Guibert: Alans Krieg
336 Seiten, schwarzweiss,  29,80 Euro, Ed. Moderne, ISBN 978-3-03731-056-4
> Leseprobe

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