Die Sandkorntheorie

Ja, das wäre schön: Jacobsmuscheln auf Chicoreeblättern essen, dazu Confit von jungem Rebhuhn mit gebackenen Äpfeln, ein wenig Käse hinterher, zum Schluss ein Schokoladensoufflé – und wenn man sich dann auf die Waage stellt, hat man dabei sogar abgenommen. Jedenfalls geht es Maurice, einem Wirt in Brüsel so, und er vermutet, dass es an exakt diesem Rezept liegt. Vielleicht eine neue Diät, die sich gut vermarkten lässt?

Nun, leider nicht. Eher so ungewöhnlich, wie die Berge von Sand, die sich in der Wohnung von Frau Antipowa ansammeln. Und die Steine, die im Wohnzimmer von Herrn Abeels auftauchen. Erst nur ein paar, aber dann immer mehr, und alle haben das exakt gleiche Gewicht: 6793 Gramm. Eine Primzahl. Ob das Geheimnis dieser ungewöhnlichen Ereignisse etwas mit Primzahlen zu tun hat?

Die Sandkorntheorie ist ein neues Album aus dem Zyklus der Geheimnisvollen Städte. Sie thematisierten die Grenzen von Architektur und Stadtentwicklung, kafkaeske Bürokratien und – wie in diesem Album – surreale Erscheinungen des Alltagslebens. Technik und Mode in Schuitens Comics entsprechen der des ausgehenden 19. Jahrhunderts, was ihnen eine sehr eigene, viktorianische Atmosphäre verleiht. Das wirkt auf den ersten Blick etwas bieder und konservativ, und ist sicher nicht jedermanns Geschmack, aber der Appetit kommt beim Essen. Die Unverwechselbarkeit der Zeichnungen geht einher mit Geschichten, die die Engländer mit dem Idiom very sophisticated charakterisieren würden.

Und Schuiten ist Pedant. Es dauerte, wie der Verlag mitteilt, fast zwei Jahre, bis die internationale Ausgabe den Vorstellungen der Autoren entsprach. Mehrere Coverentwürfe wurden gedruckt und verworfen, es gab eine Version in zwei Bänden und im Querformat, Schuber wurden erstellt. Am Ende wurden alle Cover der beteiligten Verlage noch einmal neu gedruckt. Ebenso viel Wert legt der aus einer Architektenfamilie stammende Schuiten auf detailgetreue architektonische Zeichnungen. So ist ein Schauplatz des Geschehens ein Jugendstilhaus in Brüssel, das von Victor Horta 1893 gebaut wurde, und von Schuiten und Peeters derzeit restauriert wird.

Für seine Fans hat mit diesem Album eine lange Wartezeit ein Ende. Allen, die ihn nicht kennen, gibt das Album Gelegenheit, einen Blick in das Werk eines Künstlers zu werfen, dessen Arbeiten mit keinen anderen in der Comicwelt vergleichbar sind. 2002 erhielt Schuiten in Angoulême den Großen Preis für sein Lebenswerk.

François Schuiten, Benoît Peeters: Die Sandkorntheorie
112 Seiten, schwarzweiß,  24,80 Euro, Schreiber & Leser,
ISBN 978-3-937102-96-2
> Leseprobe

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