Gift

„Sie schreibt? Sie sollte besser ihre Tage handarbeitend zubringen.“ „Schreiben ist auch Handarbeit, Herr Pastor.“ „Ist sie in unsere Stadt gekommen, um freche Reden zu führen?“ Nein, ist sie nicht. Sie ist vom Verleger Brockhaus auf Empfehlung von Bettina von Arnim nach Bremen geschickt worden, um für Brockhaus einen Reisebericht über die Stadt zu schreiben. Doch dann erfährt sie, dass hier am kommenden Tag, dem 21. April 1831, Gesche Gottfried öffentlich hingerichtet werden soll.

Die 43jährige Gesche Gottfried hat 15 ihr nahestehende Menschen vergiftet – darunter ihre beiden Ehemänner, ihren Verlobten, ihre Eltern und ihre Kinder. Weshalb, das ist ziemlich unklar – hatte sie doch aufgrund ihrer Mildtätigkeit gegenüber hilfsbedürftigen Menschen den Spitznamen „Engel von Bremen“ bekommen. Ihr Anwalt meint, es sei aus Habgier geschehen. Überhaupt hat er sehr spezielle Vorstellungen von der Rolle einer Frau: „Eine Frau sollte die Schuld des Lebens nicht durch Tun, sondern durch Leiden ertragen. Durch die Wehen der Geburt und durch die Unterwürfigkeit unter den Mann.“ Angesichts dieser Einstellung wundert es die junge Literatin nicht, „wenn in dieser Stadt Frauen dahin kommen, ihre Männer zu vergiften.“

Szenarist Peer Meter geht der Frage nach, was das Motiv gewesen sein könnte – findet aber keine gültige Antwort. Fest steht nur, dass das brave Bürgertum samt Arzt und Pfarrer jahrelang weggesehen haben muss, denn die vielen Todesfälle im Umkreis der Gesche Gottfried hatten schon lange Grund zu Gerüchten und Spekulationen gegeben.

Die Münchner Zeichnerin Barabara Yelin, deren Arbeiten in Frankreich bekannter sind als hierzulande, hat die Geschichte komplett mit Bleistift gezeichnet. Das macht die Atmosphären intensiver und die Bilder persönlicher, ist aber nicht jedermanns Geschmack. Wer es lieber bunt und flippig mag, wird es schwer haben, einen Zugang zu diesem Album zu finden. Wer gute grafische Arbeit und stimmig gezeichnete Charakterstudien liebt, bekommt mit Gift ein Album, das die dumpfe Atmosphäre der Biedermeierzeit überzeugend transportiert. Klasse gemacht und spannend erzählt.

Barbara Yelin, Peer Meter: Gift
200 Seiten, schwarzweiß, 20,- Euro, Reprodukt, ISBN 978-3-941099-41-8
> Leseprobe

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