Palästina

Joe Sacco war es leid, immer nur einseitige Berichte über den Palästina-Konflikt zu lesen. In den USA erfuhr man über einen von Palästinensern getöteten Juden alle Details bis hin zu der Zahnpasta, die er benutzt hat. Aber diese Human-Touch-Stories erklärten wenig bis nichts über die politischen Hintergründe des Konflikts. Also flog Sacco 1991 selber hin, um im Gaza-Streifen und im Westjordanland Palästinenser zu interviewen und eine bewusst subjektive Comic-Reportage zu schreiben, in der vor allem die palästinensische Sicht der Dinge dargelegt wird.

Sacco beschreibt die Lebensbedingungen der Palästinenser als ein Leben im permanenten Ausnahmezustand. Flüchtlingslager ohne Strom, provisorische Behausungen, Lehmfußböden, die bei Regen im Matsch versinken, fehlende sanitäre und hygienische Anlagen, wenig bis keine Arbeitsmöglichkeiten, hohe Arbeitslosigkeit. Das Lager Dschabalia nennt Sacco „ein Disneyland vor Schmutz und Elend“. Israelische Soldaten, die willkürlich Verhaftungen vornehmen und Häuser sprengen. Kaum ein Jugendlicher über 20, der nicht schon einmal im Gefängnis gesessen hätte. Keine Familie ohne verhaftete, verletzte oder getötete Angehörige. Auf der anderen Seite die schon damals erkennbare Hinwendung zum Islam mit allen entsprechenden Folgen – so wurde ein 15jähriges Mädchen von ihren eigenen Familienangehörigen erwürgt, weil sie ihren Ehemann betrogen haben soll. Die Rolle der Frauen in der Gesellschaft beschreibt Sacco anhand eines Gesprächs mit palästinensischen Frauenrechtlerinnen.

Obwohl die Reise 1991/92 stattfand, hat das Album nichts von seiner Aktualität verloren. Die Situation ist heute eher noch hoffnungsloser als damals. Nach der Lektüre dieses Albums versteht man, dass es in Palästina keinen Frieden geben wird, solange die Israelis weiterhin illegal palästinensisches Gebiet besiedeln. Was man allerdings vermisst, ist eine Art Rahmen. Irgend eine Art von Alltagsleben, das hilft, die geschilderten Ereignisse einzuordnen. So hängt alles ein bisschen in der Luft. Auch eine Landkarte wäre hilfreich gewesen.

Das Album ist früher bei 2001 erschienen, jetzt liegt es in der Edition Moderne vor, in der weitere Arbeiten von Sacco erscheinen sollen. Der Zeichenstil ähnelt dem frühen Robert Crumb. Verglichen mit Alben von Satrapi oder Delisle legt Sacco seine Geschichte weniger als Erzählung, sondern mehr als bebilderte Reportage an – vom Aufbau her am ehesten vergleichbar mit der Comictrilogie Der Fotograf. 1996 bekam Sacco dafür den „American Book Award“.

Joe Sacco: Palästina
288 Seiten, schwarzweiß, 28,- Euro, Edition Moderne, ISBN 978-3-03731-050-2
> Leseprobe

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