drüben!

Der Jahrestag des Falls der Mauer, der sich in diesen Tagen zum zwanzigsten Mal jährte, gehört zu den nervigsten Gedenktagen überhaupt. Inzwischen war ja, glaubt man den auf allen TV-Kanälen wieder und wieder interviewten Ex-DDRlern, jeder zweite ein Widerständler, der den realen Sozialismus mehr oder weniger im Alleingang zu Fall gebracht hat.

Erfreulich unspektakulär dagegen schildert Simon Schwartz in diesem Album die Ausreise seiner Eltern Anfang der achtziger Jahre. Er selber war damals ein Kleinkind im Vorschulalter, seine Eltern keine typischen Dissidenten, sondern Menschen, die trotz aller Kritik auch weiter in der DDR geblieben wären, wenn der Apparat sie nicht mehr oder weniger rausgemobbt hätte.

Der Vater, treues SED-Mitglied, wächst in einem antifaschistisch und sozialistisch orientiertem Elternhaus auf – nicht zuletzt deshalb, weil einige Familienmitglieder in den 1940er Jahren dem Terror der Nazis zum Opfer gefallen sind. Simons Mutter dagegen ist nicht in der Partei, aber in der Kirche, und durch die Westkontakte ihrer Familie kulturell ein bisschen hippiemäßig orientiert. Der Vater hat einen Lehrauftrag an der Kunsthochschule Erfurt, die Mutter möchte als Jugendliche unbedingt Mick Jagger heiraten, zweifelt aber nicht am Sinn des Systems.

Die Probleme fangen an, als öffentliche Diskussionen über die Ausbürgerung Wolf Biermanns dazu führen, dass Kollegen ihren Job und Freunde ihren Studienplatz verlieren. Dann marschiert die UdSSR in Afghanistan ein, und Simons Vater soll an der Hochschule einen Vortrag über gerechte und ungerechte Kriege halten. Das an sich ist ihm schon suspekt, aber als ihm ein Parteifunktionär einen Tag vorher einen von sonstwem geschriebenen Text der von ihm zu haltenden Rede überreicht, reicht es auch Simons Vater: Die Familie stellt einen Ausreiseantrag.

Schwartz legt mit diesem Album, das die Kleingeistigkeit der SED-Funktionäre und ihre Hilflosigkeit im Umgang mit Kritik erfreulich nüchtern und ohne erhobenen Zeigefinger schildert, seine Diplomarbeit als Illustrator vor. Er ist Teil der Illustratorengruppe “Die Krickelkrakels” und arbeitet für Zeitschriften und Magazine.

Simon Schwartz: drüben!
110 Seiten, schwarzweiß, 14,95 Euro, avant, ISBN 978-3-939080-37-4
> Leseprobe

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2 Gedanken zu “drüben!

  1. Der tatsächlich nervigste Gedenktag überhaupt liegt schon über eine Woche hinter uns, da kommt er doch noch einmal um die Ecke. „Unspektakulär“ beschreibt diese weitere Geschichte und ihre Bilder ganz passend, bleibt nur offen was daran erfreulich ist.

    Der Autor dieser Rezension schwimmt letztendlich nicht anders auf einer Welle eines (jetzt nicht mehr ganz) aktuellen Themas mit, als andere Medien und ihre Widerstandskämpfer. Da wirkt die einleitende Relativierung leider ins Gegenteil und macht das Thema noch ein Stück anstrengender.

    Wenn man sich dieses Stück vom Kuchen schon nicht verkneifen kann, dann auch bitte ehrlich und ohne Seitenhiebe gegen Co-Mauerfall-Trittbrettfahrer. So wird jedenfalls nicht ausreichend begründet, warum denn dieser Beitrag unter unzähligen zur deutsch-deutschen Geschichte besondere Erwähnung finden muss.

    Eine kleine Enttäuschung, wenn sich hier doch sonst fast jeder Artikel wie eine wirklich gute Empfehlung liest.

  2. Weshalb ich das Album erst eine gute Woche nach dem Gedenktag rezensiert habe? Weil ich es erst jetzt gelesen habe.

    Was an dem Album erfreulich ist? Wie es da steht: Das Unspektakuläre.

    Weshalb ich es trotzdem rezensiert habe? Nicht obwohl, sondern weil es so unspektakulär ist. Weil es nicht als Weisheit letzter Schluss, nicht als weitere inhaltslos aufgeblähte Abrechnung mit der DDR daher kommt, sondern einfach nur eine ganz simple autobiografische Alltagsgeschichte erzählt.

    Und ich, wie man unschwer erkennen kann, wenn man Comickunst öfter liest, gut erzählte autobiografische Alltagsgeschichten liebe.

    Relax. 🙂

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