Klezmer

Klezmer ist der Begriff für sehr emotionale, meist instrumental gespielte jiddische Volksmusik aus Osteuropa. Sie hat viel mit Tradition und ebenso viel mit Emotion zu tun, weshalb sie vorzugsweise auf Hochzeiten oder sonstigen Feiern live gespielt wird. Die Quirligkeit und Lebendigkeit dieser Musik hat Sfar in dieser Serie, die in der Welt der jüdischen Schtetl und russischen Steppen spielt, wunderbar eingefangen.

Von zehn Musikern, die anfangs losziehen, um im nächsten Dorf für Brot und Unterkunft zu spielen, werden neun bereits auf der zweiten Seite des ersten Bandes von Konkurrenten ermordet. Übrig bleibt nur der Pianist, der sich auf den Weg nach Odessa macht, um dort sein Glück zu finden. Unterwegs trifft er die junge Chava, die aus ihrem Dorf flieht, weil sie sich nicht zwangsweise verheiraten lassen will. Ihnen schließen sich später drei andere Musiker an – allesamt sehr eigenwillige Originale.

Da ist Jaacov, der aus einer religiösen Gemeinschaft getürmt ist, weil es da einfach zu viele Regeln gibt. Der weinerliche, aber begnadet Geige spielende Vincenzo wiederum macht sich Gedanken um die Sünden, die er als Schlafwandler begangen hat – weshalb er von seinem Rabbi verstoßen wurde. Ergänzt wird die neue Gruppe durch Tschokola – kein Jude, sondern ein Zigeuner, der allerdings so wunderbare Lügengeschichten erzählen kann, dass er als so ziemlich alles durchgeht.

Sfar siedelt seine Geschichte im Osten zu einer Zeit an, als Pogrome gegen Juden an der Tagesordnung sind, und die verschiedenen Volksstämme von Kosaken bis Zigeunern sich nicht besonders mögen. Es ist kalt im Osten, zu verdienen gibt es nicht viel, aber das Leben, so hart es streckenweise auch ist, geht eben immer weiter – und wird begleitet von dieser Musik, die allgegenwärtig jede Seite füllt. Wie nebenbei erfährt man viel über jüdische Lebensweisen und Traditionen.

Die pulsierende Mischung aus purer Lebensfreude und nacktem Überlebensdrang malt Sfar mit Aquarellfarben, diesem schwer zu bändigendem Material, bei dem eine Farbe oft in und über die andere fließt, was Exaktheit unmöglich macht, andererseits jedoch die ganze Verwobenheit von Mensch, Land, Kultur und Geschichte mit- und ineinander illustriert. Und wo bei vielen anderen Alben die editorischen Ergänzungen meist nichts als wichtigtuerisches Blahblah sind, möchte man die umfangreichen Anmerkungen von Sfar am Ende der Alben nicht missen.

Update 4.3.17: Leider sind nur die ersten drei Bände wirklich empfehlenswert. Bei Band 4 und dem Abschlussband 5 hat man Gefühl, dass ihm nichts mehr eingefallen ist und es nur noch darum ging, irgendwie die Seiten zu füllen. Schade drum.

Joann Sfar: Klezmer
Band 1: 148 Seiten, 19,95 Euro, avant, ISBN 978-3-939080-17-6
> Leseprobe (Band 3)

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